Versäumnisse des Frühjahrs aufgearbeitet: Deutschland-Rundfahrt: Ullrich besteht ersten Test
zuletzt aktualisiert: 31.05.2004 - 16:46Karlsruhe (rpo). Nach fünfwöchiger Fitnessarbeit ist Jan Ullrich scheinbar wieder voll da: Der T-Mobile-Kapitän belegte zum Auftakt der Deutschland-Rundfahrt im Einzelzeitfahren einen glänzenden zweiten Platz.
Einen Monat vor der Tour de France kam der Olympiasieger beim Auftakt-Zeitfahren in Karlsruhe auf den zweiten Platz und war dabei nur 24,91 Sekunden langsamer als Tagessieger Michael Rich (Emmendingen) vom Team Gerolsteiner. Auf dem 23,7 km langen Stadtkurs in Karlsruhe belegte Richs Teamkollege Uwe Peschel (Scheidegg) Rang drei.
Bei der Zwischenzeit nach 11,8 km hatte Ullrich als letzter von insgesamt 126 Startern sogar die Bestmarke gesetzt und geht damit am Dienstag im gepunkteten Trikot des Bergbesten auf die zweite. Auf der zweiten Hälfte des Rennens jedoch spielte Rich bei Gegenwind seine Tempohärte aus. "Wir hatten auf einen Platz unter den ersten fünf gehofft, aber dass Jan mit um den Tagessieg kämpft, hätte ich nicht erwartet", erklärte Ullrichs persönlicher Betreuer Rudy Pevenage.
Vor dem Rennen hatte Ullrich noch tief gestapelt: "Ich fühle mich gut, werde das Zeitfahren aber nicht gewinnen können", meinte der zweimalige Weltmeister in dieser Disziplin. Für das Gesamtklassement rechnet sich der 30-Jährige dennoch nichts aus: "Dafür haben wir bei T-Mobile andere Fahrer, die von ihrer momentanen Form her dazu in der Lage sind."
Ullrich im Soll
Schlank, braungebrannt und bestens gelaunt war Ullrich nach seiner Rennpause im Mai am Start erschienen. Rechtzeitig zur "heißen Phase" der Tour-Vorbereitung sind die überflüssigen Pfunde wegtrainiert und die Versäumnisse des Frühjahrs offenbar aufgearbeitet: "Meine Form ist jetzt so, wie sie im Moment sein sollte. Im Juni kommt noch der Feinschliff", sagte Ullrich.
Bis zum Ende der Deutschland-Tour am Sonntag in Leipzig soll sich der T-Mobile-Teamkapitän immer wieder sporadisch in Szene setzen: "Ich will mich auf ein, zwei Etappen mal testen, mich vorne am Gegner festbeißen und ans Limit gehen. Das fehlte mir bisher, und das will ich nachholen."
Während sein größter Rivale für die Tour, Lance Armstrong (USA), bereits im April und Mai mit einigen Erfolgen aufhorchen ließ, kam Ullrich - wie in fast jedem Jahr - nur schwer in Gang und musste nun Fehler einräumen: "Ich weiß jetzt, dass ich ein, zwei Wochen zu früh in die Wettkämpfe gestartet bin. Das, was mir da noch fehlte, wollte ich dann durch noch intensiveres Training wettmachen. Aber das war genau falsch."
Das Geheimnis der Höhenkammer
Deshalb musste der Olympiasieger im Mai "nachsitzen". Mit Erfolg: "Inzwischen habe ich aber die Grundlagen, die ich brauche. Und vom Gewicht her müssen bis Anfang Juli nur noch ein paar Gramm weg." Trainiert wurde in den Schweizer Alpen sowie auf der Tour-Strecke in Frankreich - und im Keller seines Hauses in Scherzingen am Bodensee. "Ich habe seit zwei Jahren eine Höhenkammer in meinem Haus", erklärte Ullrich und lüftete damit ein bislang gut gehütetes Geheimnis.
Statt wie einige Teamkollegen ins Höhentrainingslager auf Teneriffa zu reisen, verzog sich der Toursieger von 1997 in einen zehn Quadratmeter kleinen Raum und strampelte dort unter vergleichbaren Bedingungen. "Da kann ich ganz bequem zu Hause trainieren und habe denselben Effekt wie auf 2000 Meter Höhe", so Ullrich. Zudem war er auf diese Weise in den letzten Monaten weniger Zeit von Freundin Gabi und Töchterchen Sarah-Maria getrennt.
Puls hochjagen
Anders als in herkömmlichen Druckkammern kann Ullrich in seiner Höhenkammer unter normalen atmosphärischen Bedingungen trainieren - allerdings bei von 21 auf 14,5 Prozent reduziertem Sauerstoffgehalt in der Luft. Durch die Zunahme an roten Blutkörperchen ist das Blut später in der Lage, mehr Sauerstoff zu transportieren.
Bis zum Tourstart am 3. Juli will sich Ullrich nun noch die spezielle Wettkampfhärte im oberen Leistungsbereich holen. "Jetzt geht es darum, den Puls auch mal kurzzeitig auf 190 hochzujagen. Dafür habe ich bei der Deutschland-Tour und der Tour de Suisse in den nächsten Wochen reichlich Gelegenheit."
Die erste will er bereits am Mittwoch nutzen, wenn es auf der dritten Etappe über den 1793 m hohen Arlbergpass ins österreichische St. Anton geht. Zuvor steht am Dienstag das zweite Teilstück von Bad Urach nach Wangen im Allgäu (172,5 km) auf dem Programm.
STATISTIK:
Radsport, Deutschland-Tour
1. Etappe, Einzelzeitfahren über 23,7 km, Start und Ziel in Karlsruhe:
1. Michael Rich (Emmendingen/Gerolsteiner) 27:20,87 Minuten
2. Jan Ullrich (CH-Scherzingen/T-Mobile) 27:25,78
3. Uwe Peschel (Scheidegg/Gerolsteiner) 27:50,22
4. Daniel Becke (Erfurt/Illes Balears) 27:54,17
5. Sebastian Lang (Erfurt/Gerolsteiner) 27:56, 75
6. Jan Hruska (Tschechien) 28:06,70
7. Danilo Hondo (Cottbus/Gerolsteiner) 28:09,16
8. Jens Voigt (Berlin/CSC) 28:20, 47
9. Igor Gonzales de Galdeano (Spanien) 28:25,78
10. Alexander Winokurow (Kasachstan/T-Mobile) 28:38,37
... 13. Patrik Sinkewitz (Fulda/Quick Step) 28:51,03
14. Andreas Klöden (Cottbus) 28:56, 06
... 16. Rolf Aldag (Beckum/beide T-Mobile) 28:59,04
... 20. Grischa Niermann (Hannover/Rabobank) 29:10,07.
Gesamtwertung:
1. Rich 27:20 Minuten
2. Ullrich 0:25 Minuten zurück
3. Peschel 0:30
4. Becke 0:34
5. Lang 0:36
6. Hruska 0: 46
7. Hondo 0:49
8. Voigt 1:00
9. Galdeano 1:05
10. Winokurow 1: 18
... 13. Sinkewitz 1:31
14. Klöden 1:36
... 16. Aldag 1: 39
... 20. Niermann 1:50.
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