Zwangsversteigerung seiner Villa: Didi Thurau: Der Absturz des eiskalten Engels
zuletzt aktualisiert: 29.11.2000 - 15:28Neuss (sid). Wieder einmal ist Dietrich Thurau abgestürzt, weil er der Sonne zu nahe kommen wollte. Der Aufstieg des Frankfurters vom "Tellerwäscher" zum Millionär endete am Dienstag vorerst mit der Zwangsversteigerung seiner Villa im Stadtteil Bergen-Enkheim. Das Konkursverfahren vor dem Amtsgericht geht am 4. Dezember in die nächste Runde. Die Geschichte des heute 46-Jährigen war schon immer für einen Groschenroman gut.
"Didi" Thurau war einer der populärsten deutschen Sportler der Nachkriegszeit. 1977 versetzte er das Land in einen Thurau-Rausch. Bei seiner Tour-Premiere mit gerade 22 Jahren fuhr er zum Auftakt ins Gelbe Trikot und trug es 15 Tage lang, gewann dabei sogar schwere Etappen in den Pyrenäen und Alpen, ehe er hinauf nach Alpe d'Huez einbrach. Am Ende wurde er umjubelter Fünfter. Er sah gut aus und konnte sich noch besser verkaufen, viel besser als später ein Jan Ullrich.
Auch die Franzosen schwärmten von ihm und nannten ihn "geule d'ange", das Engelsgesicht. Aber er war ein eiskalter Engel. Das hatte er schon gezeigt, als er ein Jahr vor Olympia 1976 seiner Trainerlegende Gustav Kilian einen Korb gab, in dessen Bahnvierer er 1974 Weltmeister geworden war, und zu den Profis wechselte.
Nach der Tour 1977 stand ihm der Radsport-Himmel offen, der Tour-Sieg schien nur eine Frage von kurzer Zeit. Doch Thurau zog die schnelle Mark vor und kassierte Traumgagen als Zugpferd bei Sechstagerennen. Er gewann 30 Sixdays - und verlor dabei die Substanz für die Straße. Die ganz hohen Erwartungen konnte er nie erfüllen, obwohl er zweifellos ein Ausnahmetalent war. Zweimal wurde er Vizeweltmeister, einmal gewann er einen echten Klassiker, Lüttich-Bastogne-Lüttich.
1980 startete ihm zu Ehren die Tour in Frankfurt, doch nach einigen Etappen stieg er aus. 1985 wurde er ausgeschlossen, weil er einen Funktionär geohrfeigt hatte. Mehrmals wurde er des Dopings beschuldigt, aber nie überführt. Einmal war die A-Probe positiv, die B-Probe auf mysteriöse Weise nicht. Nach Ende seiner Karriere gab er freimütig Manipulationen zu.
Seinem Ruf schadete es wenig. Der Aufstieg zum erfolgreichen Geschäftsmann begann. Zuletzt ließ er sich beim Rennen um den Henninger Turm 2000 feiern, wo er als Sportlicher Leiter dem Feld vorausfuhr. Rund 20 Kilometer vor dem Ziel verfuhr er sich, was Telekom-Fahrer Kai Hundertmarck (Frankfurt) beinahe den Sieg gekostet hätte. Wie oft zuvor fand "Didi" in letzter Sekunde noch einmal einen Ausweg, nun aber scheint er in der Sackgasse zu stecken.
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