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Köln
Die Karriere nach der Karriere

Köln. 60 Prozent aller deutschen Olympia-Sportler sind Schüler und Studenten. Was machen sie, wenn ihr sportlicher Weg zu Ende geht? Horst Schlüter hilft 600 Athleten am Olympiastützpunkt Rheinland, sich auf "die Zeit danach" vorzubereiten. Von Verena Kensbock

Fast hätte Tibor Pleiß sein Abitur nicht geschafft. Als der Basketballer noch zur Schule ging, stand sein Abschluss auf der Kippe - Training und Spiele der Köln 99ers schluckten zu viel Zeit. Da kam Horst Schlüter ins Spiel. Mit der Schule, den Eltern und dem Nachwuchstalent tüftelte er einen Vorschlag für eine Verlängerung seiner Schulzeit aus. Schulamt und Bezirksregierung stimmten zu, so dass Pleiß sich nicht zwischen Abitur und Basketball entscheiden musste. Heute spielt der 27-Jährige in der höchsten türkischen Basketball-Liga für Galatasaray Istanbul.

Dass das auch sein Verdienst ist, will Horst Schlüter so nicht sagen. "Dafür ist er zu bescheiden", meint sein Chef Michael Scharf, Leiter des Olympiastützpunkts Rheinland. Schlüter ist Laufbahnberater, in seinem Büro hilft er Sportlern aus dem Olympiakader, die Karriere neben dem Sport in die richtige Bahn zu lenken. 600 Athleten betreut er mit einer Kollegin in Köln, in NRW sind es insgesamt 1400. Er hilft nicht nur, den passenden Studiengang zu finden. Er schafft auch immer wieder die Strukturen, damit sich die Sportler überhaupt auf "die Zeit danach" vorbereiten können.

Sportler gehen nicht in Ruhestand. Sie entscheiden selbst, wann sie aufhören. Und dann haben die meisten noch eine lange Arbeitszeit vor sich, eine Karriere nach der Karriere. Kunstturnerinnen zum Beispiel, sagt Schlüter, hören mitunter mit Anfang 20 auf. Ausdauersportler haben mit Anfang 30 erst ihren Wettkampfhöhepunkt - dann sind andere schon lange im Beruf.

Rund 60 Prozent der deutschen Athleten im olympischen Sommersport sind Schüler und Studenten. Die restlichen 40 Prozent verteilen sich auf Bundeswehr-Sportler, wenige Landespolizisten und noch weniger Auszubildende. Darum fängt die Beratung schon bei Schulkindern an, sagt Schlüter. Durch die verkürzte Schulzeit haben sie weniger Zeit für Vereinssport. Keine guten Voraussetzungen für Spitzenathleten. Wer mit 14 nicht richtig trainieren kann, kommt mit 20 vielleicht schon an seine Leistungsgrenze. Darum gibt es in NRW 46 Internate und 32 Schulen für Leistungssportler. Aber nicht alle halten, was sie versprechen, meint Michael Scharf. "Draußen mag zwar das Logo der NRW-Sportschule hängen, aber nicht immer wird dieser Titel auch gelebt."

Auch Eltern sträuben sich oft gegen eine sportliche Karriere ihrer Kinder. "Sie fürchten, dass die Kinder den Abschluss nicht schaffen oder nicht studieren können", erklärt Schlüter. Zumindest in NRW ist ein Studium für Spitzensportler aber kein Problem. Die Kaderbescheinigung ist die Eintrittskarte für jeden Studiengang - egal, wie das Abi ausgefallen ist. Nur zentral vergebene Studiengänge wie Medizin sind ausgeschlossen. Doch es ist nicht garantiert, dass die Sportler auch dort trainieren können, wo sie studieren. Bundesweit soll es durch die Leistungssportreform des Innenministeriums und des Deutschen Olympischen Sportbunds feste Standorte für die olympischen Sportarten geben. Rudern in Berlin, Judo in Köln, Schwimmen in Essen. Aber was, wenn es den gewünschten Studiengang nur in Hamburg gibt? Das habe man bei der Reform nicht bedacht, bemängeln Schlüter und Scharf.

Noch schwieriger wird es, wenn die Sportler den Nachwuchskader hinter sich lassen und für Wettbewerbe durch die Welt reisen. Horst Schlüter handelt mit den Unis die Entschuldigung von Fehlzeiten aus, organisiert Ausnahmelösungen, wenn das Trainingslager in die Prüfungsphase fällt. Vergangenen Sommer hat er dafür gesorgt, dass eine Leichtathletin ihre Klausur von Lanzarote aus schreiben konnte. Per Fax schickten sich Uni und Trainingslager die Klausurunterlagen zu.

Das funktioniert, sagt Scharf. Aber nur, solange die Athleten einen Erfolg sehen. Dann treten alle anderen Themen in den Hintergrund. Sobald die Spitze weit entfernt ist, beginnt das Zweifeln. Nach der Schule, nach Olympischen Spielen, nach dem Studium, bei Verletzungen oder weil die Förderung fehlt. Spätestens mit dem ersten Job, sagt Schlüter, steigen die meisten aus. Sportlerfreundliche Unternehmen seien rar gesät, Fehlzeiten führten bei Kollegen oft zu Neid. Noch gibt es kein System, Schlüter muss für jeden Athleten nach einer individuellen Lösung suchen. "Natürlich schaden mehr Laufbahnberater nicht ", sagt er. "Viel wichtiger sind aber die Strukturen." Sportlerfreundliche Schulen und Hochschulen, feste Ansprechpartner und Unternehmen, die Athleten anstellen, bevor deren Karriere vorbei ist.

Quelle: RP
 
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