| 18.36 Uhr

Leichtathletik-WM der Behindertensportler
Die schnellen Jungs vom Rhein

Doha/Düsseldorf. Die Goldmedaille der deutschen 4x100-Meter-Staffel ist der Schlusspunkt einer erfolgreichen Leichtathletik-WM der Behindertensportler in Katar. Neben lauter Kritik am Austragungsort, geht der Blick nun in Richtung Olympia 2016. Von Jessica Balleer

Der Goldlauf des Quartetts vom TSV Bayer 04 Leverkusen dauert 41,86 Sekunden. Ein Duell mit den US-Amerikanern, bis zum letzten Wechsel. Während der letzte US-Sprinter mit seiner Prothese ins Straucheln gerät, gelingt Felix Streng die perfekte Stabübergabe an den deutschen Schlussläufer Johannes Floors. "Lauf Johannes, lauf!", ruft er ihm noch hinterher. Als Erster überquert Floors die Ziellinie im Suhaim Bin Hamad Stadium in Doha. Mit Startläufer Markus Rehm und David Behre feiern beide schwarz-rot-goldene Glückseligkeit. Die Zeit, die gut fünf Sekunden über dem 4x100-Meter-Rekord der Nichtbehinderten liegt, bedeutet Staffel-Gold am Ende der Leichtathletik-WM des Behindertensports in Katar, die aus sportlicher Sicht ein Erfolg war. Knapp ein Jahr vor den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro zeigten vor allem Athleten von Bayer 04 eindrucksvoll, wie wichtig die Arbeit des Vereins für den Deutschen Behindertensportverband (DBS) bereits ist - und im Hinblick auf die Paralympics in Rio 2016 noch werden wird.

Markus Rehm und David Behre gelang durch den Staffel-Erfolg ihr jeweils zweiter WM-Titel. Zuvor siegte der 29-jährige Duisburger Behre im 400-Meter-Lauf. Der unterschenkelamputierte Europameister von 2014 siegte sogar in Weltrekordzeit. "Ich denke, wir können zufrieden sein", sagte Markus Rehm. Sein Weitsprung-Weltrekord mit 8,40 Metern fand weltweite Anerkennung. Die Leistung seines weiblichen Pendants, Vanessa Low, erfreute vor allem deutsche Fans. Der 25-Jährigen vom TSV Bayer 04 Leverkusen gelang im Weitsprung-Finale das erste internationale Gold ihrer Karriere - mit einem Weltrekord (4,79 Meter). Über die 100 Meter schrieb Low ihre WM-Erfolgsgeschichte weiter. Die doppelseitig beinamputierte Athletin holte sich in persönlicher Bestzeit die Silbermedaille. Vier Jahre alt war Low, als im Berliner Olympiastadion die Behinderten-Leichtathletik-Weltmeisterschaften Premiere feierten. Seither werden sie vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) vergeben und durchgeführt.

Neben Fußball, Leichtathletik und auf Sicht auch Olympische Spiele, konnte Katar nun also auch ein Para-Sportereignis ins Land holen. Für die WM-Vergabe gab es bereits im Vorfeld Kritik, insbesondere von deutscher Seite. Friedhelm Julius Beucher nannte die Entscheidung einen Fehler. "Dort werden Menschenrechte mit Füßen getreten, und man sollte Ländern, die das tun, kein gesellschaftliches Alibi geben. Man kann den Sport nicht isoliert von gesellschaftlichen Vorgängen betrachten", sagte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes. Zwar versuchten die Kataris, die perfekte Bühne herzurichten. Nach der WM fällt nun aber auch das Fazit der Athleten negativ aus, denn die sportlichen Spitzenleistungen passierten vor meist leeren Zuschauerrängen und bei extremen Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius. Das IPC verteidigt seine Entscheidung weiterhin. "Diese Veranstaltungen helfen dabei, Inklusion voranzutreiben", sagte Sir Philip Craven, IPC-Chef und seit 2003 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. "Es ist wichtig, dass Weltmeisterschaften überall auf der Welt stattfinden, auch in den aufstrebenden Märkten wie Katar." Sportlich betrachtet war Katar eine wichtige Etappe auf dem Weg zu den Paralympics.

Das 30-köpfige deutsche Team holte 24 Medaillen (acht Gold, sieben Silber und neun Bronze), die Hoffnungen wecken: "Jetzt will ich auch Gold in Rio", sagte David Behre, der vor acht Jahren beide Unterschenkel verlor und in Katar seine Titelpremiere erlebte. Darauf zielt auch Markus Rehm ab. Er könnte den zweiten Paralympic-Sieg holen.

Quelle: RP
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