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Sportmedizin
Die skurrilen Fußballerverletzungen

Düsseldorf. Die Krankenakte von Profisportlern ist prall gefüllt mit unterschiedlichen Blessuren. Die meisten davon hat es auch schon vor 20 Jahren gegeben – die Teamärzte konnten sie damals aber einfach nicht diagnostizieren. Von Gianni Costa

Mario Gomez ist derzeit nicht arbeitsfähig. Deshalb musste der Angreifer in Diensten des VfL Wolfsburg seine Teilnahme an den Länderspielen mit der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Tschechien (Samstag, 20.45 Uhr) und Nordirland (Dienstag, 20.45 Uhr) absagen. Gomez, 31, fällt laut medizinischem Bericht des DFB wegen einer "neurogenen Verhärtung in der Gesäßmuskulatur" aus. Man könnte sich nun darüber ausufernd lustig machen und sich die Frage stellen, ob ein Zwicken im Po bei einem Profisportler zwangsläufig zur Arbeitsunfähigkeit führt. "Eine Verhärtung ist der Anfang zu einer größeren Muskelverletzung", sagt der Düsseldorfer Sportarzt Ulf Blecker. "Mit einem Faserriss würde der Spieler vermutlich ein paar Wochen ausfallen, so ist es vernünftiger, die ganze Sache auszukurieren."

FOTO: Anna Zörner

Vor ein paar Jahren wäre eine derartige Blessur überhaupt nicht diagnostiziert worden. Spieler haben schon damals über Schmerzen geklagt, da aber niemand etwas bei den Untersuchungen finden konnte, kamen schnell Schmerzmittel zur Linderung zum Einsatz. Das Problem war damit zumindest zeitweise ausgeschaltet - auf Kosten der Gesundheit. "Wir haben in der Diagnostik einfach gigantische Schritte gemacht", erzählt Blecker, seit zehn Jahren Teamarzt von Zweitligist Fortuna Düsseldorf. "Durch das MRT können wir nun Dinge sichtbar machen, die durch Röntgen nicht zu erkennen waren." In der Kernspintomografie werden dreidimensionale Bilder gemacht - so sind nun zum Beispiel Klassifikationen von Muskelverletzungen überhaupt erst möglich.

Zu den häufigsten modernen Fußballerverletzungen gehört die Schambeinentzündung. Der Dortmunder Marco Reus laborierte so lange daran, dass er nicht mehr den Sprung in den EM-Kader schaffte. "20 Prozent der Profifußballer haben damit zu tun", sagt der Orthopäde und Sporttraumatologe Emanuel Merkle. Die Wissenschaft hat auch Gründe erforscht, warum sich heute die Fallzahlen immer mehr häufen. "In einer ersten Pilotstudie zusammen mit Borussia Dortmund haben wir festgestellt, dass bei einfachen Passbewegungen an den Muskeln rund um das Becken sehr hohe Spannungen entstehen", sagt Wolfgang Potthast von der Deutschen Sporthochschule. "Besonders hohe Kräfte wirken dabei ausgerechnet an den kleinsten Muskeln, den Adduktoren, die an den Innenseiten der Oberschenkel sitzen. Gerade dort kommt es häufig zu Rissen, ebenso wie an den Sehnen, die am Becken sitzen." Die Belastung für die Sportler müsste also dosierter sein.

Blecker, der auch die Eishockeyspieler der Düsseldorfer EG und die deutschen Tennisdamen um die Weltranglistenerste Angelique Kerber betreut, muss bisweilen auch über die neuen medizinischen Wortschöpfungen schmunzeln. "Alles braucht einen Namen", sagt er. "Es ist jetzt aber nicht so, dass es im Fußball Modeverletzungen gibt. Den Eindruck kann man gewinnen, weil man nun öfter davon liest. Das liegt aber daran, dass sie überhaupt entdeckt werden. Die Medizin ist im Fluss – und es kommen immer neue Möglichkeiten dazu, den Patienten zu helfen." Bei einer Verletzung der Syndesmose ist früher die betroffene Stelle in Gips gelegt worden. Die Folge: Über Monate gingen die Beschwerden weiter. Heute wird früher operiert, nach spätestens drei Monaten sind die Beschwerden behoben.

Quelle: RP
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