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Gesundheitliche Spätfolgen
Doping-Opfer fordern Akutfonds über 32 Millionen Euro

Akutfonds des Sports: die wichtigsten Infos
Akutfonds des Sports: die wichtigsten Infos
Der Doping-Opfer-Hilfe-Verein macht mobil und fordert einen Akutfonds für seine geschädigten Sportler in Höhe von 32 Millionen Euro.

Die Geschichte mit der Schokolade liegt Marion Vogel immer noch schwer im Magen. "Die gab's immer zum Essen. Für jede Sportart eine andere Portion", erzählt die frühere Handballerin. Wie zuletzt bekannt wurde, sollen DDR-Mediziner das Naschwerk mit Wachstumshormonen angereichert haben. "Ich mochte nie Schokolade", sagt die ehemalige Handballerin Vogel: "Ich habe sie immer an andere verschenkt."

Welch buchstäblich fader Beigeschmack. Unter der Vorstellung, dass leistungsfördernde Mittel in der Schokolade enthalten waren, leiden Athleten heute noch - genauso wie unter der Verabreichung von Drinks, Pillen oder angeblichen Vitamintabletten. Erkrankungen und Spätfolgen sind immens, täglich melden sich neue Geschädigte bei der Doping-Opfer-Hilfe (DOH) in Berlin. Deren Vorsitzende Ines Geipel macht nun mobil und fordert die Schaffung eines "Akutfonds des Sports".

"Mit dem Akutfonds sollen diese massive Schäden ein wenig aufgefangen werden. Nachhaltige schwere Schäden brauchen eine wirkliche konkrete Hilfe", sagte Geipel dem Sport-Informations-Dienst (SID). Die ehemaligen Athleten benötigten Mediziner, ihre Körper seien nachhaltig vergiftet. Die Wunden werden erst jetzt sichtbar, die Athleten erzählen erst jetzt ihre Geschichten. "Sie brauchen ihre Akten dazu", so Geipel.

Das Blutdoping-ABC FOTO: AFP

Die bislang geleisteten Zahlungen von Sport und Politik reichten nicht aus. Mittlerweile betreut die DOH 700 Athleten, die Dunkelziffer wird auf 2000 geschätzt. Auch vermehrt Sportler aus dem Westen und aus der Nach-DDR-Zeit melden sich in Berlin. Die Politik und der organisierte Sport müssten nun reagieren. "Sie sind am dransten", sagt Geipel: "Es kann auch nicht mehr gewartet werden. Wir brauchen jetzt ganz konkrete Hilfe."

Der Fonds umfasst neben Einmalzahlungen in Akutfällen juristische Hilfen, beratende Ärzteteams sowie eine medizinische Langzeitstudie mit Betroffenen. 32 Millionen sollen Bund und Sport dafür bereitstellen. "Das ist die Summe, die der Sport für Münchens verpasste Olympia-Bewerbung versenkt hat", sagt die 54-Jährige, räumt allerdings ein: "Diese 32 Millionen sind aber auch zu diskutieren."

Der DOSB zeigte sich in einer ersten Reaktion reserviert. "Der DOSB hat den Vorschlag von Frau Geipel erhalten. Wir werden das Konzept in Kürze prüfen", sagte DOSB-Sprecher Christian Klaue: "Ein mit 32 Millionen Euro ausgestatteter Fonds scheint unrealistisch."

Das ist eine stolze Summe, doch die frühere Topsprinterin Geipel hat genügend Geldgeber ausgemacht. Die Politik, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), die Landessportbünde und auch der Fußball. "Es melden sich hier auch vermehrt Fußballer mit Krebserkrankungen, Hodenkrebs vor allem, mit Ödemen, mit Depressionen", berichtet Geipel und fordert: "Dazu sollte dem Fußball etwas einfallen."

Geipel ärgert sich über die Äußerungen bekannter Fußballstars, die wenig zur Aufklärung beisteuern. "Man kann da Herrn Beckenbauer nehmen, der offenbar unter einer Bewusstseinsspaltung leidet. Vor Jahren hat er ganz offen über Doping gesprochen, heute will er sich an diese Person Beckenbauer nicht mehr erinnern", sagte die gebürtige Dresdnerin, die weitere Fußballpromis in die Verantwortung nehmen will: "Wir werden ganz konkret Herrn Beckenbauer, Herrn Breitner und Herrn Hoeneß ansprechen."

Marion Vogel verpasste den Sprung in den großen Sport. Für Olympia 1988 hatte sie ihren Platz im DDR-Nationalteam schon fast sicher, doch viele falsche Medikamente und eine missglückte Operation stoppten sie auf ihrem Weg. "Ich bin durch das Doping ausgeknockt worden", sagt sie heute und hat immer noch damit zu tun. Zu ihrem Krankheitsbild gehören Herzprobleme, Niereninsuffizienz, Hypertonie, Fibromyalgie - "insgesamt sind es 28 Symptome", sagt Vogel.

(sid)
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