Schüttler Bezwinger Hyung-Taik Lee:: Ein "einfacher Junge vom Land" erobert New York
zuletzt aktualisiert: 03.09.2000 - 12:50New York (dpa). Aus der berüchtigten New Yorker Bronx ins größte Tennisstadion der Welt - Hyung-Taik Lee aus Südkorea hat auf Kosten von Daviscup-Spieler Rainer Schüttler bei den US Open für die Story der ersten Woche gesorgt. Seit Samstag ist der 24-Jährige ein Thema in der Tennis-Welt, am Montag wird der größte aller Außenseiter vor über 20 000 Zuschauern im Arthur-Ashe-Stadion seinem Vorbild Pete Sampras im Achtelfinale leibhaftig gegenüberstehen. "Ich hoffe, die Kulisse und das Stadion schüchtern mich nicht zu sehr ein. Dann verspreche ich einen guten Kampf", ließ der sympathische Lee die aufhorchende Weltpresse nach seinem jüngsten Meisterstück wissen.
Ein Übersetzer musste seine Geschichte erzählen, er selbst kann kein Englisch. Er sei ein "einfacher Junge vom Lande", aus Hang Sung, das in der Provinz Kang Won Do liegt. Sein Vater starb früh, noch bevor er mit dem Tennisspielen begann. "Das habe ich angefangen, als ich in die dritte Klasse ging", berichtete der 24-Jährige.
Heute ist er die Nummer eins seines Landes und sorgt in New York täglich für neue Rekorde. Denn vor ihm hatte kein Südkoreaner auch nur ein Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier gewonnen. Das 6:2, 3:6, 6:4, 6:4 gegen Rainer Schüttler (Bad Homburg) war nun schon das dritte des Qualifikanten. Zuvor hatte er Jeff Tarango (USA) und den an Nummer 13 gesetzten Argentinier Franco Squillari geschlagen, der in diesem Jahr immerhin bei den French Open in Paris im Halbfinale stand und die Sandplatz-Turniere in München und Stuttgart gewinnen konnte.
"Ich schreibe gerade koreanische Tennis-Geschichte", sagte Lee stolz. Dabei hatte das große Abenteuer in den USA nicht historisch, aber gleichwohl spannend begonnen. Bei einem Challenger-Turnier in Binghamton schied Lee im Viertelfinale aus, aß auf die Schnelle noch einen Hamburger und fuhr noch am Abend weiter nach New York, um am Challenger in der Bronx teilnehmen zu können. Um ein Uhr nachts kam er an, "müde und sehr glücklich". Das Märchen begann. Er verlor in der dritten Runde der Qualifikation, kam aber als "lucky loser" doch ins Hauptfeld, gewann das Turnier, kassierte 7 200 Dollar - und siegt seitdem nur noch. Insgesamt nun schon zehn Mal hintereinander.
Ein ehemaliger südkoreanischer Tennisspieler ist der einzige Mensch, den Hyung-Taik Lee in New York kennt. "Natürlich hat er eine Reinigung", scherzte Lee, der überhaupt viel lachte beim ungewohnten Frage-Antwort-Spiel in der ersten großen Pressekonferenz seines Lebens. Mit dessen Sohn hat er sich angefreundet, die meiste Zeit zwischen den Spielen saß er aber wegen Zahnschmerzen beim Arzt.
55 000 Dollar Preisgeld hat Lee, dessen gefährlichster Schlag die Vorhand ist, nach dem Sieg gegen Schüttler schon verdient, doppelt so viel wie vorher im ganzen Jahr (26 316). Nur dank eines Sponsors (Samsung) konnte er sich das Reisen um die Welt und die teuren Hotels bislang leisten. Gegen Sampras könnte er mit einem Sieg die Summe verdoppeln, auch wenn wohl nicht einmal Lee selbst daran glaubt.
Ein Reporter fragte ihn dennoch, welcher Trubel ihn bei der Rückkehr nach Seoul erwarten würde, wenn er als US-Open-Champion heimkehrte. Hyung-Taik Lee lachte, als ihm die Frage übersetzt wurde. Dann antwortete er trocken: "Ich kann mir nur vorstellen, dass es schwierig sein würde, überhaupt aus dem Flugzeug herauszukommen."
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