Meister Lindemann umstritten: Eiskunstläufer finden nicht aus Krise
zuletzt aktualisiert: 09.12.2001 - 16:38Berlin (rpo). Neun Wochen vor Olympia bleibt der Eiskunstlauf das Sorgenkind des deutschen Wintersports. Auch bei den nationalen Meisterschaften drängte sich niemand für die Dienstreise nach Salt Lake City auf.
"Ich sehe die Gefahr, dass wir durch Abwesenheit glänzen", sagte Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, bei einer Stippvisite im Berliner Erika-Hess-Stadion. Nur im Herren-Bereich stellte der oberste deutsche Sportfunktionär "einen deutlichen Aufschwung" fest. Er wurde Zeuge der äußerst umstrittenen Preisrichter-Entscheidung zu Gunsten von Stefan Lindemann aus Erfurt.
Als krasses Fehlurteil stuften viele Experten das 7:2-Votum gegen den Wahl-Münchner Andrejs Vlascenko ein, der eleganter lief und ohne gravierenden Fehler durch die Kür kam. "Das ist der größte Beschiss der Meisterschaften", kritisierte Trainerin Steffi Ruttkies, die nach dem verpatzten Axel von Lindemann fest vom fünften Titel ihres Schülers ausgegangen war.
"Es war ein enger Einlauf und eine faire Abstimmung", sagte Angela Siedenberg, Präsidentin der Deutschen Eislauf-Union (DEU), die sich freilich fragen lassen musste, ob es eine politische Entscheidung für den 21 Jahre alten Hoffnungsträger war. Zu gut ist der Eislauf- Gemeinde die offensichtliche Bevorzugung von Tanja Szewczenko in Erinnerung, die 1995 dazu führte, dass Marina Kielmann aus Enttäuschung über Platz 2 ihre Karriere beendet hatte.
Nun setzt der Verband darauf, dass der zweite nationale Titel Lindemann Rückenwind für die Europameisterschaften vom 14. bis 20. Januar in Lausanne geben wird. Hier muss der Junioren-Weltmeister des Vorjahres für die Olympia-Norm unter die ersten acht kommen. Auch wenn Vlascenko in der Schweiz besser abschneiden sollte, wird der gebürtige Lette wieder Verlierer sein. Denn die Hoffnung auf den deutschen Pass für Olympia ist nach Verkehrsdelikten für den zweimaligen EM-Vierten zur Zeit wohl aussichtslos.
So kann die DEU nur hoffen, dass die verletzten Eistänzer Kati Winkler/Rene Lohse (Berlin) schnell wieder auf die Beine kommen, damit der internationale Einbruch in der Olympia-Saison nicht zu krass wird. Denn die alten und neuen Meister Stephanie und Thomas Rauer (Essen) sind nur Mittelmaß. Wenn das Knie von Lohse hält, müsste den WM-Siebten auch ohne die EM-Teilnahme ein Sonderstatus für die Winterspiele eingeräumt werden.
Den hatte Susanne Stadlmüller (Stuttgart) schon in der Kurzkür verspielt, als sie sich zwei Mal aufs Eis legte. Zur Kür trat die von Krankheiten geschwächte Titelverteidigerin dann gar nicht mehr an. Aus der blassen Konkurrenz bietet sich keine Konkurrentin für einen Startplatz in Utah an, auch nicht Siegerin Katharina Häcker. Ohnehin ist die Mannheimerin mit 14 zu jung für internationale Wettkämpfe.
Ähnlich trist sieht es im Paarlauf aus; hier gibt es durch das neue Chemnitzer Duo Nicole Nönnig/Matthias Bleyer immerhin Hoffnung für die Zukunft. Für Ex-Weltmeister Ingo Steuer hat sich die erst dreimonatige Trainingsarbeit schon bezahlt gemacht: Der Partner von Mandy Wötzel kassiert 10 000 Mark, die der Verband als Anschubprämie für ein neues Paar ausgelobt hat, auch wenn seine Schüler nur Letzte von drei Paaren wurden. Den Titel holte sich zum vierten Mal Mirko Müller, WM-Dritter von 1998 mit Peggy Schwarz. Erstmals gewann er mit Sarah Jentgens.
Ganz neue Wege will der Verband mit einer stark leistungsbezogenen Honorierung der Trainer gehen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. "Was 12 Jahre seit der Wende passiert ist, hat nicht funktioniert. Die DEU muss sich um 180 Grad drehen, auch wenn die Umstellung für viele radikal sein wird", kündigte Generalsekretär Dietmar Krug an. Er befürchtet, dass die Fördermittel des Bundes für den erfolglosen Verband nach Olympia um bis zu 20 Prozent gekürzt werden.
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