Paarlauf-Weltmeister hatten unerlaubte Stimulanzien genommen: Eiskunstlauf hat seine "Unschuld" verloren
zuletzt aktualisiert: 27.03.2000 - 12:27Nizza (sid). Der Operettensport Eiskunstlauf hat seine Unschuld verloren, der älteste Wintersportverband der Welt beklagt seinen ersten klassischen Dopingfall. Elena Bereschnaja, zusammen mit ihrem Partner Anton Sicharulidse Welt- und Europameisterin im Paarlauf, wurde nachgewiesen, im Vorfeld der europäischen Titelkämpfe in Wien ein unerlaubtes Stimulanzium eingenommen haben, um nach eigenem Bekunden eine Bronchitis zu bekämpfen.
Das Paar aus St. Petersburg erhielt die Nachricht wenige Stunden vor der offiziellen Auslosung in Nizza und reiste überstürzt ab. In die Kategorie "Ersttäter" eingeordnet, werden die Folgen für die Olympiazweiten gravierend genug sein. Der Weltverband ISU wird gemäß seinen Regularien eine dreimonatige Sperre verhängen, die EM-Goldmedaillen von Wien werden die beiden Russen an ihre bislang zweitplatzierten Landsleute Maria Petrowa und Alexej Tichonow weiterreichen müssen.
Wie tief die ISU von diesem Vorfall erschüttert wurde, belegt die Verschleierungstaktik der Funktionäre. Seit Sonntagmorgen waren entsprechende Gerüchte im Umlauf, kurz nach 16.00 Uhr wurden unter strengster Geheimhaltung Startlisten ohne Bereschnaja/Sicharulidse gedruckt. Weitere drei Stunden dauerte es, ehe der Fall der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde.
"Natürlich ist diese Sache ein wenig unschön, aber unter dem Strich war es für die ISU eine wundervolle Saison", redete ISU-Präsident Ottavio Cinquanta das Problem klein. Zu weiter reichenden Aussagen war der ansonsten so eloquente Italiener nicht zu bewegen.
Viel gesprächiger war auch Dr. Jane Moran nicht. Die Vorsitzende der medizinischen Kommission der ISU erläuterte lediglich, dass die Analyse der positiven A-Probe Bereschnajas in Schweden erfolgt sei. Auf eine B-Probe, so die Ärztin weiter, habe Bereschnaja ebenso wie der usbekische Paarläufer Jewgeny Swiridow verzichtet, dem anlässlich der Vier-Kontinente-Meisterschaften die Einnahme eines ähnlichen Präparats nachgewiesen wurde.
Bislang war es der ISU stets gelungen, ähnlich gelagerte Fälle weitgehend unter Verschluss zu halten. Eine positive A-Probe von Eistanz-Weltmeisterin Marina Klimowa (Russland) bei der EM 1991 in Sofia verwandelte sich bei der B-Probe in Köln in eine negative, bei dem Franzosen Thierry Cerez waren 1998 die entdeckten Nandrolon-Spuren angeblich zu gering für eine Verurteilung. Moran bestätigte allerdings in Nizza auf Anfrage, dass es im vergangenen Jahr einen weiteren, bislang nicht publizierten Dopingfall gab.
Einen solchen schloss Angela Siedenberg für den Zuständigkeitsbereich der Deutschen Eislauf-Union (DEU) mit einer Mischung aus Ignoranz und Naivität aus: "Wollen Sie denn Doping in unserem schönen Sport zum Thema machen? Ein solcher Fall wird bei uns nicht eintreten."
Nüchterner fiel da schon die Bewertung von DEU-Aktivensprecher Mirko Müller aus. "In Deutschland werden wir im Training drei- bis viermal pro Jahr getestet, für andere Länder kann ich nicht sprechen. Zunächst sind natürlich die Ärzte in der Pflicht, wenn es um Medikamente geht, deren Inhaltsstoffe wir Athleten nicht kennen. Grundsätzlich sollte man als Läufer wissen, was man nehmen darf und was nicht, eine solche Dummheit wie die der Russen dürfte eigentlich nicht passieren", sagte der Berliner.
Müller und seine Partnerin Peggy Schwarz könnten von der Abwesenheit der Top-Favoriten durchaus profitieren. In der überarbeiteten EM-Ergebnisliste von Wien werden die deutschen Meister schon in Kürze auf Rang vier geführt, in Nizza steigen die Chancen auf die zweite WM-Medaille nach 1998. Was Peggy Schwarz bei ihrer zehnten und möglicherweise letzten WM eher mitleidlos kommentierte: "Unwissenheit schützt eben nicht vor Strafe."
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