Erste WM-Medaille seit 21 Jahren / "Kalt wie eine Hundeschnauze": Eiskunstlauf: Lindemann vollendet Sensation
zuletzt aktualisiert: 26.03.2004 - 11:28Dortmund (rpo). Es wird wohl noch etwas dauern, bis Stefan Lindemann völlig realisiert hat, was ihm da gestern in Dortmund gelungen ist. Bei der Siegesfeier für den WM-Dritten jedenfalls staunte der 23-Jährige nicht schlecht über die Menge an Gratulaten, die auf seine frisch errungene Bronze-Medaille starrten.
Selbst beim Feiern blieb Stefan Lindemann ein "kleiner Däumling". Mit riesengroßen Kulleraugen blickte er auf eine Hundertschaft als wichtig deklarierter Menschen, die ihn schon mit gefüllten Sektgläsern in den Händen erwarteten. Der drittbeste Eiskunstläufer der Welt hatte keine Wahl: Er machte einen tiefen Diener, lächelte schüchtern und tauchte zögernd ein in die Flut der ihm sichtlich zu aufdringlichen Gratulanten.
Dass die Wogen der Begeistung förmlich über ihm zusammenbrachen, dafür war der Erfurter allerdings selbst verantwortlich. 9000 Zuschauer in der Dortmunder Westfalenhalle hielt es nicht mehr auf den Sitzen, als der 1,63 m kleine Thüringer eine Kür aufs Eis zauberte, wie sie ihm noch nie in seiner Karriere gelungen war. Bei jedem gestandenen Sprung erbebte die 52 Jahre alte Arena und der Lärmpegel schwoll derart an, dass die Musik phasenweise kaum noch zu hören war.
"Unsere Zielstellung war doch nur der zehnte bis 14. Platz", formulierte der Bundeswehr-Hauptgefreite in eingeschliffener DDR-Diktion und schüttelte dabei kaum merklich seinen Strubbelkopf. Doch der Traum, den man bei Deutschen Eislauf-Union (DEU) "nicht mal zu träumen wagte", so DEU-Präsident Reinhard Mirmseker, endete für den deutschen Meister auf dem Siegertreppchen, geschlagen nur vom alten und neuen Weltmeister Jewgeni Pluschenko aus Russland sowie dem französischen Europameister Brian Joubert.
Konkurrenz war enorm stark
Pluschenko, Joubert und vor allem auch der viertplatzierte Schweizer Stephane Lambiel waren derart stark, dass sich Attribute in Richtung "Zufallsgewinner" von selbst verboten. Lindemanns stets gestrenge Trainerin Ilona Schindler hatte an diesem denkwürdigen Abend wirklich nichts an ihrem Schützling auszusetzen: "Stefan war kalt wie eine Hundeschnauze. Früher wäre er bei einer solchen Wahnsinns-Konkurrenz am Ende eingeknickt, diesmal ist er toll durch sein Programm gekommen."
Der 23-Jährige dokumentierte sein in den WM-Tagen von Dortmund immens gestiegenes Selbstbewusstsein, indem er seine Konkurrenten intensiv analysierte, um sich selbst einen weiteren Adrenalinstoß zu verpassen. "Ich habe mir selbst damit ganz bewusst Druck gemacht", sagte Lindemann, dessen Erfolg gleich mehrere negative DEU-Serien beendete. Seit der Vize-Weltmeisterschaft von Norbert Schramm 1983 in Helsinki hatte der Verband auf eine Herren-Medaille warten müssen, das letzte deutsche WM-Edelmetall lag mittlerweile auch schon sechs Jahre zurück.
"Stefan ist vorbildlicher Kämpfer"
Dass Lindemann solche sportlichen Durststrecken in Zukunft nicht mehr zulassen wird, davon gab sich die Verbandsspitze überzeugt. "An der Präsentation wird er noch viel arbeiten müssen, aber seine enormes Rüstzeug wird dafür sorgen, dass er vorne dabei bleibt", sagte DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf. Präsident Mirmseker baut auch auf die menschlichen Qualitäten des ehemaligen Junioren-Weltmeisters: "Einen anständigeren Charakter als Stefan kann man nicht haben. Außerdem ist er ein vorbildlicher Kämpfer."
Stärken, die Lindemann aus einer sportlichen Schaffenskrise in den vergangenen beiden Jahren holten. Von Verletzungen gebeutelt, von Streitigkeiten um seine Trainingskonzepte genervt, dachte er letztes Jahr ernsthaft ans Karriere-Ende, raufte sich aber doch noch mal mit Betreuerin Schindler zusammen: "Jetzt bin ich natürlich froh, dass ich weitergemacht habe. Aber es war nicht leicht, denn ich musste fast wieder von vorne anfangen und mir meinen Ehrgeiz neu erarbeiten."
Erste Lernerfolge beim zünftigen Feiern der Bronzemedaille stellten sich schon in der Nacht nach der Herren-Entscheidung ein. Inmitten einstiger Eislauf-Größen wie Paul Falk, Hans-Jürgen Bäumler, Manfred Schnelldorfer und Jan Hoffmann suchte und fand Lindemann nach anfänglichem Zögern doch noch seinen Spaß. Der altgediente DEU-Mannschaftsarzt Dr. Salim Al-Bazaz jedenfalls formulierte den letzten Superlativ dieser denkwürdigen Nacht: "So lustig haben wir seit 25 Jahren nicht mehr gefeiert."
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