IOC erhielt Aussageprotokoll des FBI-Agenten: Eiskunstlauf-Skandal: Funktionär Gailhaguet schwer belastet
zuletzt aktualisiert: 05.08.2002 - 14:52Hamburg (rpo). Ermittlungen des amerikanischen Bundeskriminalamtes FBI haben eine Schlüsselfigur im Olympia-Skandal um Eislauf-Entscheidungen ergeben. Demnach wird der ehemalige Präsident des französische Eislauf-Verbandes, Didier Gailhaguet, schwer belastet.
Das geht aus dem Aussageprotokoll des FBI-Spezialagenten William E. McCaugland hervor, das die Staatsanwaltschaft von New York dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) am Montag zur Verfügung gestellt hat. Das Protokoll sagt aus, das die Entscheidungen im Paarlaufen und im Eistanz im Zusammenspiel zwischen dem russischen Mafiaboss Alimsan Tochtachunow und einem ungenannten "Kollegen" durch Bestechung beeinflusst worden sind.
Den Aussagen zufolge sollte Gailhaguet einen französischen Beitrag leisten zum Sieg des russischen Paares Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse. Dafür würde Tochtachunow für den Goldmedaillengewinn des französischen Tanzpaares Marina Anissina/Gwendal Peizerat sorgen. Im Gegenzug sollte sich Gailhaguet für den 53-jährigen Usbeken erneut bei der französischen Regierung um die Verlängerung einer Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich verwenden. Als Mitwisserin tritt in dem Protokoll Olympiasiegerin Anissina in Erscheinung.
Tochtachunow hatte Gailhaguet weit vor den Winterspielen das Angebot gemacht, den Verbandschef bei der Etablierung eines Profi- Eishockeyclubs in Paris mit Geld zu unterstützen. Dafür musste sich Gailhaguet bei der französischen Regierung für eine Verlängerung des Visums stark machen. Ein hoher Beamter aus der Nähe von Präsident Jacques Chirac habe dieses Ansinnen jedoch mit der Warnung abgelehnt, Tochtachunow biete "schlechtes Geld" an, heißt es in dem Protokoll.
Telefonate wurden abgehört
Etwa einen Monat vor den Winterspielen fädelte Tochtachunow telefonisch aus Italien den Olympia-Betrug ein. Als treibende Kraft wird in dem Protokoll ein als "CC-1" bezeichnet Krimineller in Russland aufgeführt. Er erweist sich in den abgehörten Telefon- Gesprächen als Einflussträger auch auf russische Sport-Funktionäre. Nach der als Skandal empfundenen Paarlauf-Entscheidung, bei der die französische Punktrichterin Marie-Reine Le Gougne den Ausschlag zum Sieg von 5:4-Stimmen gegen die besseren Kanadier Jami Sale/David Pelletier gab, sagte "CC-1" zu Tochtachunow ("CC-2"): "Unsere Franzosen haben mich sehr erstaunt... Du kannst ihrer Mutter oder ihrem Vater sagen, alles wird o.k. sein." Gemeint waren die Eltern der Exil-Russin Marina Anissina, die danach mit ihrem französischen Partner Gwendal Peizerat die Eistanz-Konkurrenz gewann.
"CC-1" nannte Anissina "eine von uns, und sie wird Olympiasiegerin werden". "CC-1" zu "CC-2" vor der Entscheidung: "Die Franzosen haben nur drei Punktrichter für sich, sie brauchen noch zwei. Eine (Stimme) ist unsere, die andere wird ihnen von unseren Freunden gegeben. Wenn wir für sie sind, werden die Italiener bei drei Stimmen bleiben. Die Franzosen können somit nur mit 5:4 gewinnen." Tatsächlich siegten Anissina/Peizerat 5:4 und die mitfavorisierten Italiener Garbara Fusar-Poli/Maurizio Margaglio wurden Dritte. Vor der Tanzentscheidung machte Tochtachunow der Mutter von Anissina die Ankündigung: "Wir werden sie zur Olympiasiegerin machen, selbst wenn sie stürzt. Er ("CC-1") hat zwei oder drei Punktrichter. Sage ihr, wir werden ihr helfen und alles dafür tun."
In einem um den 7. März abgehörten Telefonat begründete Anissina Tochtachunow, warum sie ihn erst 17 Tage nach der Entscheidung in Salt Lake City angerufen habe. Das sei ihr vom Präsidenten (Gailhaguet) verboten worden. Das FBI habe ihn noch in Salt Lake City verhört, er habe Sorge gehabt, dass ihre Gespräche aus den USA abgehört würden. Darauf Tochtachunow: "Das ist Unsinn. Er war erschrocken. Der Präsident war in Sorge um sich selbst, weil alles aufgedeckt werden könnte." Laut Protokoll hatte sich auch Anissina vergeblich für eine Visaverlängerung von Tochtachunow eingesetzt.
Gailhaguet spricht von einem Komplott
Gailhaguet, der von der Internationalen Eislauf-Union (ISU) wie die von ihm beeinflusste Le Gougne für drei Jahre gesperrt worden ist, sprach am Montag von einem "Komplott". Anissina/Peizerat hätten ihre Goldmedaille "auf dem Eis gewonnen", sagte Gailhaguet in Anwesenheit der Olympiasieger in Arles. "Diese so genannte Affäre ist abenteuerlich." Tochtachunow sei ein "fabulierender, gefährlicher Clown". Anissina gestand, "von Zeit zu Zeit" mit Tochtachunow telefoniert, "ohne jemals in Sachen Wettbewerb etwas erbeten zu haben". Der Skandal sei "inszeniert. Wir waren die Besten".
IOC-Vizepräsident Thomas Bach "begrüßte" die Informationen aus den USA, "sie bringen uns weiter". Allerdings ließe das Protokoll noch Fragen offen. So gebe der Spezialagent seine Erkenntnisse nur summarisch wieder. Das IOC sehe sich in seiner Aufforderung an das französische Nationale Olympische Komitee (NOK) zu einer Untersuchung bestärkt.
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