Neue Bestimmungen schon im Juni: Eiskunstlauf-WM: Abschied von Note sechs?
zuletzt aktualisiert: 22.03.2004 - 16:05Dortmund (rpo). Gerade ihren 75. Geburtstag gefeiert, droht ihr bald der Tod. Möglicherweise müsssen sich die Zuschauer der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften in Dortmund von der vertrauten Traumnote sechs verabschieden.
Seit 1929 war sie das Ziel jedes Kufenathleten, nun steht die älteste aller olympischen Wintersportdisziplinen vor der radikalsten Neuerung ihrer Geschichte. Schon in der letztjährigen Grand-Prix-Serie erprobte der Weltverband ISU ein neues Wertungssystem, das die Notengebung objektiver und damit gerechter machen soll. Während bei den noch gültigen Bestimmungen die Noten nur zur Einordnung der Läufer auf Plätze dienen, werden nun jeder Sprung, jede Pirouette und jeder Wurf separat bewertet und dann addiert. Mit der Folge, dass im vergangenen Herbst ständig "Weltrekorde" und nationale Bestmarken aufgestellt wurden.
Ottavio Cinquanta, Präsident des Weltverbandes ISU, ist von den Vorteilen dieser Neuerung überzeugt. "Die Urteile der Preisrichter werden nachvollziehbarer und transparenter", glaubt der Italiener. Er war mit dieser Reform schon lange schwanger gegangen, konnte aber mit der Umsetzung ernsthaft erst beginnen, nachdem der olympische Paarlauf-Skandal von Salt Lake City die ISU in die größte Krise ihrer mehr als einhundertjährigen Historie gestürzt hatte.
ISU-Kongreß soll Reform auf den Weg bringen
Der ISU-Kongreß im Juni im niederländischen Scheveningen soll die bahnbrechende Reform auf den Weg bringen, doch da eine Zweidrittel-Mehrheit benötigt wird, ist die Durchsetzung alles andere als sicher. Von mindestens zehn Verbänden ist bekannt, dass sie am alten System festhalten wollen, mindestens 37 von 55 Mitgliedsländern müssen zustimmen. Cinquanta verbreitet tapfer Optimismus: "Ich bin mehr als zuversichtlich, dass die Mehrheit steht."
Widerstand regt sich unter anderem aus den Top-Nationen Russland und USA. Die Russen fürchten den Verlust der 6,0 als Note mit hohem Wiedererkennungswert für die Sportart Eiskunstlauf, die US-Amerikaner bemängeln, dass die Benotungen wie seit zwei Jahren beim herkömmlichen System auch beim neuen dem einzelnen Juroren nicht mehr zuzuordnen sind. Phyllis Howarr vom US-Verband: "Wir sehen zu wenige Vorteile für das neue Modell."
Mehrheit der Topathleten begrüsst Vorwärtsdrang
Wenn es ausschließlich nach den Erfahrungen der Läufer ginge, müsste sich Cinquanta um seine Mehrheit keine Sorgen machen. Die große Mehrheit der Topathleten begrüßt den Vorwärtsdrang ihres smarten Präsidenten, beispielsweise US-Medaillenkandidatin Sasha Cohen, die nach den neuen Regeln schon drei Wettbewerbe gewann: "Ich hänge nicht an der 6,0, ich denke, das neue System ist zeitgemäßer und gerechter."
Vorbehalte der Aktiven kommen in erster Linie aus der Fraktion der Eistänzer, bei denen bekanntlich nicht gesprungen wird, dieses Kriterium somit nicht zur Geltung kommt. Der deutsche Meister Rene Lohse: "Bei uns wird immer viel Subjektivität im Spiel bleiben, die große Durchlässigkeit hat es bislang nicht gebracht." In der Tat: Auch bei den Grand-Prix-Wettbewerben änderte sich die Reihenfolge der Paare nach dem Pflichttanz meistens in Originaltanz und Kür nicht mehr.
Unabhängig von der ISU-Entscheidung wird ein Weltrekord wohl auf Ewigkeit unangetastet bleiben: Die britischen Eistänzer Jayne Torvill und Christopher Dean erhielten die Traumnote sechs in ihrer langen Karriere insgesamt 136 Mal.
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