Schily sagt Unterstützung zu: Eislauf-Skandal: IOC fordert von Frankreich-NOK Aufklärung
zuletzt aktualisiert: 04.08.2002 - 16:55Hamburg (rpo). Im Skandal um Eiskunstlauf-Entscheidungen bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City hat das Interanationale Olympischen Komitees (IOC) am Wochenende seine Bemühungen um Aufklärung intensiviert.
IOC-Präsident Jacues Rogge hat nach der Internationalen Eislauf-Union (ISU) auch das Nationale Olympische Komitee (NOK) Frankreichs zu einer Untersuchung aufgefordert. Außerdem übertrug der Belgier den Fall der unabhängigen Ethikkommission des IOC. Sie soll "wenn notwendig Ermittlungen einleiten und das Exekutivkomitee beraten", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach.
Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischhofsheim bekam für das IOC von Bundesinnenminister Otto Schily die Zusage staatlicher Unterstützung. Dabei geht es besonders um die Beschaffung von Informationen über den russischen Mafia-Boss Alimsan Tochtachunow. Er war in Italien auf Antrag der Staatsanwaltschaft in New York auch unter dem Verdacht verhaftet worden, auf die Entscheidungen im Paarlaufen und Eistanzen eingewirkt zu haben.
"Bevor wir irgend eine Maßnahme ergreifen oder eine Sanktion aussprechen, benötigen wir mehr Fakten", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge am Rande der Commonwealth Games in Manchester. Sie sollen auch von staatlichen Stellen kommen. In einem kurzfristig vereinbarten Treffen mit Bach am Freitag hat Schily Hilfestellung zugesagt. Das IOC möchte beim Verfahren in New York gegen Tochtachunow als Geschädigter eine Art Nebenklägerstellung erhalten, zumindest Zugang zu sämtlichen Akten bekommen. Außerdem will es über die Ermittlungsergebnisse europäischer Sicherheitsdienste informiert werden. Die Anklage gegen Tochtachunow in New York basiert auf Abhörprotokollen von Europol.
Die Zusage Schilys umfasst auch vorbeugende Maßnahmen gegenüber der neuen Gefahr des organisierten Verbrechens im Sport. Untersucht werden soll, ob und wie weit Kriminalität bereits jetzt auf den Sport einwirkt. Das IOC will im Gegenzug den staatlichen Stellen alle Erkenntnisse weiter geben. Der Bundesinnenminister habe sich "befriedigt über die Vorgehensweise des IOC geäußert", sagte Bach.
Die Ermittlungen in Frankreich konzentrieren sich vor allem auf den suspendierten französischen Präsidenten des nationalen Eislauf-Verbandes, Didier Gailhaguet. Die mögliche Schlüsselfigur des Skandals fungierte in Salt Lake City auch als Chef de Mission des französischen Teams. Gailhaguet war nach dem skandalösen Ausgang der Paarlauf-Entscheidung wie die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne von der ISU für drei Jahre gesperrt worden. Begründet wurde die Strafe mit Druck, den Gailhaguet auf seine Landsmännin für einen Sieg des russischen Paars Elene Bereschnaja und Anton Sicharulidse ausgeübt haben soll. Wegen des als Skandal empfundenen Sieges von Bereschnaja/Sicharulidse hatte die ISU auch den zweitplatzierten Kanadiern Jami Sale/David Pelletier die Goldmedaille zuerkannt.
Gailhaguet erklärte, er habe "vor, während und nach den Winterspielen" keinen Kontakt zu Tochtachunow gehabt. Zugleich bestätigte er ein Treffen mit ihm im Frühjahr 2000, bei dem es um eine "mögliche Partnerschaft zum Nutzen für einen Pariser Eishockey- Club" gegangen sei. Der Spitzenfunktionär steht nun im Verdacht, die Interessen von Tochtachunow unterstützt zu haben. Tochtachunow wird von der US-Staatsanwaltschaft vorgeworfen, er habe den Sieg von Bereschnaja/Sicharulidse und im Gegengeschäft den Erfolg des französischen Tanzpaars Marina Anissina/Gwendal Peizerat betrieben. Anissina ist eine Exil-Russin. Aufgezeichnete Telefongespräche belegen den Kontakt der Läuferin und ihrer Mutter zu Tochtachunow, in Mafia-Kreisen "Taiwantschik" (kleiner Taiwanese) genannt.
Olympiasiegerin Anissina hat Anschuldigungen des Betruges als "verleumderisch, verletzend, entehrend und ungerecht" zurückgewiesen. Sie wolle juristisch gegen die "Diffamierungen vorgehen und Schadenersatz verlangen". Der in Venedig einsitzende Tochtachunow ließ über seinen Anwalt erklären, die Anschuldigungen gegen ihn seien eine "Farce". Sein Mandant ist "total überrascht. Er weiß nichts über die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City und er ist nicht einmal ein Fan von Eiskunstlaufen".
Rogge kündigte an, dass das mögliche Fehlverhalten von Funktionären und Preisrichtern keine Bestrafung von Sportlern nach sich ziehen werde. Allerdings kann im IOC eine neue Diskussion über Eiskunstlaufen als olympische Sportart entbrennen. "Noch ist es zu früh, Eiskunstlauf in Frage zu stellen", sagte Bach. Neu gesprochen wird möglicher Weise über den herausragenden Status des Eiskunstlaufens. Seit 1992 darf die medienwirksame Sportart auf Betreiben von Ex-Präsidenten Juan Antonio Samaranch im Rahmen der Winterspiele bei Winterspielen mit einer großen Show der Medaillen-Gewinner in Erscheinung treten. Rogge und auch Bach möchten diese Veranstaltung wieder abschaffen.
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