Tennis Daviscup: Engelchen und Teufelchen in Schüttlers Gewissen
zuletzt aktualisiert: 04.04.2001 - 14:26Hertogenbosch/Hamburg (rpo). Thomas Haas ist verletzt, sein Einsatz beim Tennis Davis-Cup-Match gegen die Niederlande fraglich. Davon profitieren könnte Ersatzmann Rainer Schüttler. Der ist in einer dummen Situation: In seinem Gewissen kämpfen Engelchen und Teufelchen miteinander.
Rainer Schüttler reiste mit dem Zug an. Der Tennisprofi aus Bad Homburg ist eben kein Überflieger. Auch nicht auf dem Weg zum Daviscup-Viertelfinale gegen die Niederlande am kommenden Wochenende in 's-Hertogenbosch. Aber er Schüttler war pünktlich am Sonntagabend am Treffpunkt im Hotel Vugt, wie Kapitän Carl-Uwe Steeb es vorgegeben hat. Und er schlug bei den ersten Trainingseinheiten auf dem schnellen Supreme-Belag in der Brabanthalle mit Nicolas Kiefer, David Prinosil und Jens Knippschild die Bälle über das Netz, während Tommy Haas seinen schmerzhaft entzündeten Knöchel pflegen ließ.
Während Deutschlands Tennisfans und -Funktionäre auf eine "Wunderheilung" des Erfolgsgaranten Haas hoffen, kämpfen in Rainer Schüttlers Gewissen Engelchen und Teufelchen miteinander. Natürlich möchte er nicht nur als Trainingpartner dem Team angehören, sondern am Donnerstag um 12.00 Uhr als Einzelspieler zur Auslosung im Rathaus von 's-Hertogenbosch erscheinen und am Freitag ab 11.00 Uhr ein Match bestreiten. Genauso aber wünscht er seinem Mannschafts-Kollegen beste Genesung - schließlich erhöht ein Einsatz von Haas die Chancen des deutschen Teams beträchtlich, zum achten Mal seit Einführung der World Group 1981 das Halbfinale zu erreichen.
"Ich akzeptiere, dass Tommy und Nicolas für die Einzel gesetzt sind, wenn sie fit sind", sagt der 24 Jahre alte Rechtshänder: "Ich halte mich aber gerne bereit, wenn mein Einsatz notwendig ist." Schon im Erstrundenmatch gegen Rumänien in Braunschweig war er nur Ersatz, war nicht einmal für das Team nominiert. Dabei war Schüttler mit dem Achtelfinaleinzug bei den Australian Open so erfolgreich ins Tennisjahr gestartet wie kein anderer deutscher Spieler. Seitdem aber stagnieren seine Leistungen, in neun Matches gab es nur drei Erfolge. "Ich habe das Problem, dass mir die Konstanz fehlt", weiß der Abiturient, der seit acht Jahren von Dirk Hordorff trainiert wird.
Er wird keinen Ärger machen, wenn er nicht nominiert wird. Das weiß auch Charly Steeb. Schüttler ist durch sein Naturell ohnehin ein ruhiger Typ, und seine bisherigen Leistungen im Daviscup würden eine große Klappe auch nicht rechtfertigen. Dreimal hat er bereits für Deutschland Einzel im Daviscup gespielt, nur einmal hat er gewonnen. Letztes Jahr schlug er in Australien Lleyton Hewitt, als die Aussies bereits als Halbfinalist feststanden. In der Erstrundenpartie in Leipzig allerdings war er am Holländer Sjeng Schalken kläglich gescheitert, und in diesem Jahr verlor er gegen Jan Siemerink in Kopenhagen - alles keine guten Vorzeichen für eine Aufstellung.
Carl-Uwe Steebs Gedankenspiele gehen deshalb in eine ganz andere Richtung. Möglich ist ein Einsatz von David Prinosil als Spitzenspieler am Freitag im Einzel gegen Hollands Nummer zwei Raemon Sluiter, Kiefer würde das Match gegen Sjeng Schalken bestreiten. Doppel-Experte Prinosil ist nach Haas als 30. der Entry List immerhin zweitbester Deutscher und kommt als Serve-and-Volleyspieler auf dem schnellen Boden in der 9.000 Zuschauer fassenden Brabanthalle sicher besser klar als Schüttler.
Am möglicherweise entscheidenden Sonntag könnte dann Tommy Haas nach zwei weiteren Tagen der Erholung wie "Kai aus der Kiste" kommen und statt Prinosil das dritte Einzel bestreiten. Zwei denkbare Fünf-Satz-Matches in drei Tagen sind bei Haas Verletzung aber praktisch unmöglich, auch wenn sich der Knöchel durch die intensive Pflege der deutschen Mannschaftsbetreuer täglich bessert. Einer bliebe bei diesem Szenario wieder auf der Strecke - Rainer Schüttler.
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