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Europaspiele in Baku
Bei Aserbaidschans großer Party sind Armenier unerwünscht

Europaspiele: Bei Aserbaidschans großer Party sind Armenier unerwünscht
Die siebenköpfige und komplett aus Funktionären bestehende armenische Delegation wurde bei der Eröffnungsfeier ausgebuht. FOTO: dpa, bt lre
Die Europaspiele in Baku lassen sich für Gastgeber Aserbaidschan glänzend an. Die einheimischen Fans machen die Tribünen bei den zahlreichen Erfolgen ihrer Sportler zur Partyzone. Athleten aus Armenien haben in der aserbaidschanischen Hauptstadt allerdings einen schweren Stand.

Auf dem Papier war die Aufgabe für Roman Amojan klar. Würde der armenische Ringer Lokalmatator Elman Muchtarow bezwingen, wäre ihm Bronze bei den Europaspielen in der aserbaidschanischen Haptstadt Baku sicher. Doch tatsächlich wartete auf Amojan noch ein weiterer Gegner: das Publikum in der vollbesetzten Heidar-Alijew-Arena.

Die kampfsportbegeisterten Sportfans in Aserbaidschan legten Amojan im griechisch-römischen Stil in der Klasse bis 59 kg durch laute Unmutsbekundungen gewissermaßen mit auf die Matte. Die Zuschauer machten nicht einmal Halt, als Amojan eine Verletzung erlitt und der Kampf unterbrochen werden musste. "Armenisches Blut wurde auf aserbaidschanischem Boden vergossen", titelte eine Zeitung tags darauf martialisch.

Wenn IOC-Präsident Thomas Bach in den Tagen von Baku von der "völkerverbindenden Kraft des Sports" spricht und darauf verweist, dass man bei den Europaspielen trotz des seit Jahrzehnten schwelenden Bergkarabach-Konflikts "Armenier Seite an Seite mit Aserbaidschanern" sehe, dann verschweigt er eines: Mit der 25-köpfigen Sportlerdelegation des Nachbarlandes kennt das aserbaidschanische Publikum kein Erbarmen.

Schon bei der opulenten und durchaus warmherzigen Eröffnungsfeier ließen die Buhrufe gegen die siebenköpfige und komplett aus Funktionären bestehende armenische Delegation im Nationalstadion zumindest die internationalen Gästen aufmerken.

"Es ist nicht leicht, unter diesen Umständen Spitzensport zu betreiben", sagte der armenische Betreuer Karen Gilojan: "Allein aus Sicherheitsgründen verlassen wir das Athletendorf nur für Training und Wettkampf." Allerdings stellte Gilojan auch eine Verbesserung der Beziehungen fest: "Beide Länder nähern sich in kleinen Schritten an." Für ein faires Verhältnis im Sport ist die Zeit aber wohl noch nicht reif.

Auf der anderen Seite ist der Lärmpegel der aserbaidschanischen Zuschauer als gemäßigt zu bezeichnen, wenn kein Landmann Medaillenchancen besitzt. "Ein bisschen mehr Freude im Publikum außer für Aserbaidschan" wünschte sich etwa Karate-Silbermedaillengewinner Jonathan Horne (Kaiserslautern), dessen Finale am Sonntag gegen den Türken Erkan Enes vor gelichteten Rängen stattfand - der letzte Aserbaidschaner hatte seinen Kampf bereits hinter sich.

Kampfsport ist das Zugpferd in Aserbaidschan: Im Ringen und Taekwondo überragte der Gastgeber mit sieben Goldmedaillen an den ersten drei Wettkampftagen. Neben Bach machte nicht ganz zufällig auch der autokratische Staatspräsident Ilham Alijew seine Aufwartung. "Ich bin entzückt. Der Erfolg der Gastgeber ist ein wichtiger Faktor, wenn man erfolgreiche Spiele abliefern will", gab Simon Clegg, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft der Europaspiele, unumwunden zu.

Dem Briten zufolge ist die Veranstaltung bereits jetzt ein "absoluter Erfolg". Aufgrund der geringen Kartenpreise von umgerechnet 85 Cent bis 4,20 Euro sei der Zuspruch "herausragend". Angeblich sind "75 der Sportstätten ausverkauft" - ein wenig glaubhafter Wert, wenn man sich beim Triathlon, Volleyball, Kanu oder Tischtennis umschaut.

Die Frage nach der Refinanzierung braucht man angesichts der Eröffnungsfeier, die mit 85 Millionen Euro doppelt so teuer war wie die der Olympischen Sommerspiele 2012 in London, gar nicht erst zu stellen. Despot Alijew hat seine Spiele bekommen, und die Bevölkerung nimmt das Angebot zum nationalen Freudentaumel gerne an.

Damit dies so bleibt, müssen weiterhin aserbaidschanische Erfolge her. Die sind in den weiteren Kampfsportarten zu erwarten. Neben Ringen und dem nicht-olympischen Karate stehen noch Judo, Taekwondo, Boxen und der in der früheren Sowjetunion populäre Kampfsport Sambo auf dem Programm - sechs von 20 Sportarten, geschickt verteilt auf sämtliche 16 Wettkampftage.

(sid)
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