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Fenerbahce Istanbul
Eine neue Dimension der Gewalt – zwei Festnahmen

Fotos: Bus von Fenerbahce beschossen – Fahrer verletzt
Fotos: Bus von Fenerbahce beschossen – Fahrer verletzt FOTO: afp, KLC/ACR
Istanbul. Unbekannte haben mit einem Gewehr auf den voll besetzten Mannschaftsbus des türkischen Meisters Fenerbahce Istanbul gefeuert. Die Täter zielten auf den Fahrer, als der eine Brücke ansteuerte. Von Thomas Seibert

Gewalt auf dem Rasen und auf den Rängen ist an der Tagesordnung im türkischen Fußball - doch was am Samstagabend an der Schwarzmeerküste geschah, ist eine neue Dimension. Unbekannte eröffneten mit einem Jagdgewehr und zwei Pistolen das Feuer auf den Mannschaftsbus des amtierenden Meisters Fenerbahce Istanbul, als die Spieler nach einem Auswärtssieg in der Stadt Rize auf dem Weg zum Flughafen in Trabzon waren. Offenbar wollten die Täter die ganze Mannschaft töten.

Die türkische Polizei hat offenbar den Schützen des Anschlags auf den Mannschaftsbus von Renommierklub Fenerbahce Istanbul sowie seinen Komplizen festgenommen. Das erklärte der Gouverneur von Trabzon im Nordosten des Landes am Dienstag. "Zwei Verdächtige sind festgenommen, sie werden verhört", sagte Adil Celal Öz. Der Komplize habe den Schützen per Mobiltelefon über die Position des Busses informiert, hieß es weiter.

"Es gibt Hinweise darauf, dass einer der beiden die Kolonne von Rize aus verfolgt und der anderen den bewaffneten Überfall begangen hat", führte Öz am Dienstagmittag weiter aus. Türkischen Medienberichten zufolge handelt es sich bei den Tätern um Männer im Alter von 27 und 38 Jahren. Der mutmaßliche Komplize solle den Angriff gefilmt haben.

Die Angreifer hatten die Stelle des Anschlags mit einem teuflischen Hintergedanken ausgewählt. Sie zielten in jenem Moment auf den Kopf des Busfahrers, in dem das Fahrzeug über eine Brücke an einer Flussmündung am Meer rollte: Der Bus sollte offenbar führerlos gemacht werden und über die Brüstung ins Wasser stürzen. Der Busfahrer und der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, der neben ihm saß, konnten den Bus bremsen und so die Katastrophe verhindern. Nur zwei Sekunden hätten zwischen der Rettung und dem sicheren Tod gelegen, berichteten die Zeitungen.

Fahrer Ufuk Kiran wurde mit Gesichtsverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte fanden Schrotkugeln in seiner Wange und im Mund. Lebensgefährlich sind die Verletzungen aber nicht. Wenig später wurde das bei dem Anschlag verwendete Gewehr gefunden, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen Mordversuches auf. "Wir hätten alle tot sein können", sagte der Mittelfeldspieler Mehmet Topal.

Während die Fenerbahce-Spieler unter Polizeischutz und in gepanzerten Fahrzeugen zum Flughafen gebracht wurden, begann im ganzen Land ein Sturm der Empörung. Politiker und Sportfunktionäre verurteilten den Anschlag. Sportminister Akif Cagatay Kilic dachte laut über eine Unterbrechung der Fußball-Liga nach, wurde aber von Innenminister Sebahattin Öztürk zurückgepfiffen: Für eine Spielpause gebe es keinen Grund. Inzwischen hat die türkische Fußball-Liga den kommenden Spieltag abgesagt.

Auch der Verein Trabzonspor, dessen Anhänger als Täter in Frage kommen, distanzierte sich von der Gewalttat. Trabzonspor liegt seit vier Jahren mit Fenerbahce im Streit. Damals hatte "Fener" "Trabzon" den Meistertitel weggeschnappt, doch ließ die Staatsanwaltschaft nach Saisonende den Fenerbahce-Präsidenten Aziz Yildirim und andere Verdächtige wegen Spielmanipulationen verhaften. Fenerbahce habe sich den Meistertitel gekauft, lautete der Vorwurf. Die Uefa schloss den Verein von der Champions League aus, aber "Fener" behielt den Titel.

Türkische Medien spekulierten nun, der alte Streit könnte etwas mit den Schüssen auf den Mannschaftsbus zu tun haben. Die Fahndung nach den Tätern blieb allerdings zunächst erfolglos. Gouverneur Abdil Celil Öz erklärte, nach ersten Erkenntnissen sei das Feuer auf dem Bus von der Gegenfahrbahn aus eröffnet worden. Es gebe Augenzeugen, deren Beobachtungen bei der Suche nach den Schuldigen hilfreich sein könnten.

Auch außerhalb der Fußballszene der Türkei ist die Stimmung geladen. Die Attacke auf den Bus ereignete sich nur wenige Tage nach der Geiselnahme eines Staatsanwalts in Istanbul, bei der drei Menschen starben, und nach einem Angriff auf das Polizeipräsidium von Istanbul, bei dem eine Täterin getötet wurde.

Kritiker halten der Regierung vor, an den Gewaltausbrüchen mit Schuld zu sein. Die massenhafte Ablösung erfahrener Beamter und die Ernennung regierungstreuer Polizisten an deren Stelle habe die Polizeiarbeit bei der Beobachtung militanter Kreise geschwächt, sagen selbst hochrangige Polizisten.

Quelle: RP
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