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Analyse
Blatter spielt auf Zeit

Blatter verkündet seinen Rücktritt
Blatter verkündet seinen Rücktritt FOTO: afp, vd/tlr
Düsseldorf. Joseph Blatter gibt im Weltfußballverband Fifa nach wie vor den Ton an. Von seinem angeblichen Rücktritt will der Schweizer plötzlich nichts mehr wissen, weil er sieht, dass seine Gegner keine Mehrheiten zusammenbekommen. Von Gianni Costa

Eigentlich hätten alle wissen müssen, dass Joseph, genannt Sepp, Blatter keine Späße macht. Zumindest nicht solche, in denen er eine tragende Rolle spielt. Und so haben nun auch die Letzten beim Weltfußballverband den Ernst der Lage erkannt. Blatter denkt darüber nach, Präsident der Fifa zu bleiben. Sein Rückzug ist für den 16. Dezember erwartet worden, nun will er auf jeden Fall bis zum Frühjahr 2016 weitermachen - und es ist längst nicht ausgeschlossen, dass auch danach noch nicht Schluss ist.

Blatter kann sich derlei Mätzchen wieder erlauben, weil es seine Gegner bislang immer noch nicht geschafft haben, ausreichende Mehrheiten für sich zu beschaffen. Das liegt auch daran, dass der mächtige europäische Ableger Uefa in sich derart zerstritten ist, dass Blatter munter auf Zeit spielen kann. Einen Monat nach dem Ausbruch des Korruptionsskandals bei der Fifa zieht der 79-Jährige im Hintergrund nach wie vor die Strippen. "Es war meinerseits kein Rücktritt. Ich habe mein Mandat als Fifa-Präsident zur Verfügung gestellt", hat Blatter offenherzig seiner Heimatzeitung Walliser Bote gebeichtet. "Es war die einzige Möglichkeit, den Druck, auch denjenigen durch die Sponsoren, von der Fifa und meinen Angestellten zu nehmen. Damit die Fifa und meine Person aus der Schusslinie genommen werden."

Egal wann genau gewählt wird, es braucht erst einmal ernsthafte Anwärter. Die haben sich bislang noch nicht aus der Deckung gewagt. Und das genießt Blatter sichtlich. Er selbst, so machte er deutlich, sei kein Kandidat, sondern der gewählte Fifa-Präsident. Und er wolle seinen Verband in einem guten Zustand übergeben. Einer der großen Gegenspieler von Blatter ist der Franzose Michel Platini. Der Uefa-Boss ist selbst so verstrickt in die Strukturen, dass viele Szenekenner nur milde lächeln, wenn er sich versucht als Reformer zu inszenieren.

Domenico Scala hat keine Lust mehr auf Machtspielchen dieser Art. Der Italiener ist Chefaufseher der Fifa. "Die Zeiten des Kokettierens mit der Macht sind endgültig vorbei", ließ Scala mitteilen. "Ich fordere alle Beteiligten - auch Herrn Blatter - auf, sich im Interesse der Reformen unmissverständlich hinter die angekündigte Wachablösung an der Spitze der Fifa zu stellen." Sein Interesse an einem Wechsel ist allerdings auch darin begründet, dass er sich selbst Chancen auf den Chefposten ausrechnet. Scala gilt als integrer Fachmann, für die Fifa vielleicht zu bemüht um Transparenz und die Einhaltung von selbst auferlegten Richtlinien.

Blatter macht einfach so weiter wie immer. Bislang hindern ihn nicht mal die Ermittler, die weltweit versuchen, den Korruptionssumpf bei der Fifa trockenzulegen. Vielleicht aber haben sie bereits belastendes Material gegen den Fifa-Präsidenten. Das würde seine Rücktrittsankündigung ein paar Tage nach der Wiederwahl Ende Mai erklären. Es würde auch erklären, warum weder Blatter noch sein Generalsekretär Jerome Valcke sich bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Kanada blicken ließ - auf nordamerikanischem Boden. Bekanntlich werden die Ermittlungen von US-Behörden geführt.

Es ist kaum vorstellbar, dass Blatter in 17 Jahren seiner Präsidentschaft von den Geldschiebereien in den großen internationalen Verbänden nichts mitbekommen hat. Deshalb ist es ebenso wenig vorstellbar, dass Blatter auch nach den Neuwahlen Präsident der Fifa ist. Es könnte aber durchaus sein, dass dann ein von ihm favorisierter Kandidat den Posten bekleiden wird. Liberias Verbandspräsident Musa Bility will sich bewerben. Und die Afrikaner standen seit jeher in Treue fest zum System Blatter.

Quelle: RP
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