Staatsanwalt droht Massa mit Gefängnis: Das Problem Teamorder
zuletzt aktualisiert: 05.11.2010 - 10:52Sao Paulo (RPO). Wer sie praktiziert, ist ein Betrüger, wer sie nicht praktiziert, ist dumm. Die Diskussion um die verbotene Teamorder in der Formel 1 nimmt in dieser Saison fast schon groteske Zuge an. Sollte Fernando Alonso den Titel gewinnen, und zwar mit maximal den sieben Punkten Vorsprung aus der Stallorder-Affäre von Hockenheim, dann wäre das "frustrierend, denn Teamorder ist verboten".
Sagt Christian Horner, Teamchef der Titelkandidaten Sebastian Vettel und Mark Webber bei Red Bull. Horner konnte sich bisher nicht entscheiden, ob er mit "Jung-Siegfried" oder "Winnetou" in den Krieg zieht, wie Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz es im Gespräch mit "Spiegel online" formulierte.
Horner hat die Teamorder nie ausgerufen und muss wohl akut um seinen Job bangen, falls am Ende keiner seiner Fahrer den Titel holt. Der Brite könnte somit zum Paradebeispiel dafür werden, dass man die Teamorder schlicht und ergreifend ausrufen muss, völlig egal, ob der Automobil-Weltverband Fia Paragraf 39.1 nach der Saison nun kippt oder nicht.
Komplett ist die Doppelmoral spätestens dann, wenn Befürworter einer Stallregie erklären, wie sich die Teamorder subtiler umsetzen lässt. Nicht so dreist wie Ferrari in Hockenheim, sondern so, dass der Zuschauer es nicht merkt. Geschickt betrügen lautet also das Motto.
Vettel ist Favorit
Für Sportwettenanbieter "bwin" geht Formel-1-Pilot Sebastian Vettel auch im vorletzten Rennen der Saison als Favorit an den Start. Beim Großen Preis von Brasilien am Sonntag in Sao Paulo (17 Uhr) notiert "bwin" den Red-Bull-Piloten mit der Quote 3,30 vor dem WM-Führenden Fernando Alonso (Quote 3,40) und Mark Webber (Quote 3,60). Zwei Rennen vor Saison-Ende sind Vettels Chancen im Kampf um den WM-Titel laut "bwin" hingegen gesunken. Der Heppenheimer wird nach seinem Ausfall in Südkorea mit der Quote 10,00 nur noch auf Rang drei gefuhrt. Neuer WM-Favorit ist Ferrari-Pilot Fernando Alonso (Quote 1,60) vor Vettels Teamkollegen Mark Webber (Quote 3,25).
Entscheidet die Teamorder den Titel?
Zwei Rennen vor dem Saisonende stellt sich nun die Frage: Entscheidet die Teamorder den Titel? Denn trotz des Verbots, das 2002 nach Michael Schumachers angeordnetem Überholmanöver in Österreich gegen Rubens Barrichello ("Let Michael pass for the Championship") eingeführt wurde, kokettieren die Teams vor dem vorletzten Saisonrennen in Brasilien offen mit ihren Absichten.
Felipe Massa, der Alonso in Hockenheim vorbeilassen musste und dies aus gekränkter Eitelkeit so demonstrativ tat, dass alle Welt es merken musste, verspricht dem WM-Spitzenreiter mittlerweile alle Unterstützung. Martin Whitmarsh, Teamchef des WM-Dritten Lewis Hamilton und des aussichtslos fünftplatzierten Titelverteidigers Jenson Button erklärt vielsagend, er sei "sicher, dass sie zusammenarbeiten werden". Und selbst Horner versichert inzwischen, es gebe einen Punkt, "an dem die Mathematik diktiert".
Michael Schumacher ist seit Jahren ein unverhohlener Befürworter der Teamorder. Man sei schließlich "auf keiner Kaffeefahrt, hier geht es um einen WM-Titel", sagt der siebenmalige Weltmeister und wirft Red Bull durch die Blume vor, den Titel fur Vettel verspielt zu haben.
Das Dilemma der Formel 1 ist die Tatsache, dass im Endeffekt nur die Fahrerwertung zählt. Das wäre, als würde ein Fußballteam nur darauf achten, dass der beste Sturmer Torschützenkönig wird, meinen die einen. Die anderen verweisen auf den Radsport, wo alle Taktik auf den Kapitän ausgerichtet ist.
Heidfeld: "Teamorder ist Mist"
"Aus Fahrersicht ist Teamorder Mist", sagt derweil Sauber-Pilot Nick Heidfeld: "Aus Teamsicht ist es vielleicht verständlich. Aber es wäre blöd, wenn die WM dadurch entschieden wird, dass Red Bull nach den Regeln handelt und andere es vielleicht anders handhaben."
Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hat eine klare Meinung. "Die einzige Stallorder, die es nicht geben darf, ist die, dass ein Team mit einem anderen zusammenarbeitet", sagt der Brite: "Formel 1 ist ein Teamsport. Es geht hier nicht um Peanuts, sondern um Weltmeisterschaften." Dass die FIA Ferrari nach Hockenheim nur mit einer Geldstrafe von 100.000 Dollar bestrafte und keine Punkte abzog, darf als Zeichen gedeutet werden. "Einen gefährlichen Präzedenzfall", habe die Fia damit geschaffen, sagt Horner.
Stunde Red Bull durch den Teamorder-Verzicht am Ende ohne Titel da, wäre es nicht der erste Fall dieser Art. 1986 ließ Frank Williams seine Piloten Nigel Mansell und Nelson Piquet frei fahren, Alain Prost war der lachende Dritte. "Wir haben damals den Preis bezahlt", sagte Williams. Whitmarsh spricht von "schmerzhaften Erfahrungen" an 2007, als Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen am Ende mit 110 Punkten und einem Punkt Vorsprung vor Whitmarshs Fahrern Lewis Hamilton und Alonso den Titel holte.
"Wir waren phasenweise sicherlich in Versuchung", gibt Whitmarsh zu: "Aber ich bin stolz darauf, dass wir es auf diesem Wege durchgezogen haben." Vielleicht wird sich Horner bald ähnlich äußern.
Ein halbes Jahr Gefängnis für Teamorder: Die Diskussion um die verbotene Stallregie treibt immer kuriosere Blüten. Ein brasilianischer Staatsanwalt hat nun versprochen, den Lokalmatadoren Felipe Massa ins Gefängnis zu bringen, sollte er seinem Teamkollegen, dem WM-Spitzenreiter Fernando Alonso beim Rennen am Sonntag in Sao Paulo übermäßige Unterstützung gewähren.
"Wenn es dazu kommt, wird er Interlagos in Handschellen verlassen!", sagte Staatsanwalt Paulo Castilho der Zeitung "Folha de Sao Paulo" und sprach von einer Haftstrafe von sechs Monaten. Castilho beruft sich auf ein Sondergesetz, das die Interessen von Sportfans schützt und ihr Recht, einen fairen Wettkampf zu sehen, hervorhebt.
Viele brasilianische Fans sehen Massa seit der offensichtlichen Stallorder auf dem Hockenheimring als Vaterlandsverräter. Ähnlich war es bereits Rubens Barrichello ergangen, als dieser 2002 auf Anweisung des Teams Michael Schumacher vorbeilassen musste.
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