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Langeweile in der Königsklasse
Ein mutiges Murmeltier stürzt die Formel 1 in die nächste Krise

Fotos: Hamilton bejubelt vierten Sieg im siebten Rennen
Fotos: Hamilton bejubelt vierten Sieg im siebten Rennen FOTO: dpa, apic cs
Montreal. Der Star des Wochenendes hatte es nicht eilig, als er die Formel 1 in ihre nächste Sinnkrise stürzte. Seelenruhig saß das kleine Murmeltier auf der Rennstrecke in Montreal, unbeeindruckt blickte es den heranrasenden Formel-1-Boliden entgegen, erst im letzten Moment brachte sich der Nager hoppelnd in Sicherheit - und hatte mit diesem kurzen Auftritt offengelegt, wie schlecht es der Königsklasse tatsächlich geht.

Denn beim Start-Ziel-Sieg von Weltmeister Lewis Hamilton vor dem Mercedes-Rivalen Nico Rosberg herrschte wieder einmal Langeweile über 70 Runden. Und so waren die internationalen Blätter voll mit Berichten über das mutige Tier.

 

"Nur ein Murmeltier sorgt für Aufregung", schrieb die Neue Zürcher Zeitung, vom "spannendsten Moment des Rennens" war in den sozialen Netzwerken vielfach die Rede. Die Gazzetta dello Sport sah in Kanada zudem "Langweile vom Anfang bis zum Ende", der englische Mirror schrieb vom "schlechtesten Montreal-Rennen der vergangenen Jahre".

Der kometenhafte Aufstieg des Murmeltiers wurde damit zum Gleichnis für die größten Probleme der Formel 1, für Langeweile und stetig schwindendes Interesse bei TV-Zuschauern und Fans an der Strecke. In Deutschland etwa stachen die Fußball-Frauen bei ihrem WM-Auftakt (5,13 Millionen Zuschauer im Schnitt ab 22.00 Uhr im ZDF, Marktanteil 23,8 Prozent) die Formel 1 auf RTL (4,45 Millionen ab 20.00 Uhr/14,5 Prozent) in der Gunst der TV-Zuschauer klar aus.

Gründe für den Trend gibt es viele, zu komplizierte Regeln und steril wirkende Piloten gehören dazu. Am Wochenende sprach der streitbare Ex-Teamchef Flavio Briatore vielen Fans aus der Seele.

"Die Fahrer sind zu Buchhaltern geworden: Reifen sparen, Benzin sparen, Knöpfe drücken und das ganze technische Blablabla", sagte der 65-Jährige der Bild am Sonntag und warf einen Blick zurück in die gute alte Zeit: "Wir sagten dem Fahrer damals: 'Geh raus, fahre jede Runde, als wäre es eine Qualifying-Runde.' Jetzt wird alles von der Box und den Computern kontrolliert. Das mögen die Fans nicht."

Den Entscheidern in der Formel 1 sind die Probleme bewusst, der Wille zur Veränderung wird immer wieder kundgetan. So erarbeitete die sogenannte Strategiegruppe kürzlich Vorschläge, breitere Reifen und aggressivere Autos sollen die Königsklasse in ferner Zukunft wieder aufregender machen. Doch all das sind bislang nur Gedankenspiele, die ziemlich berechenbare Gegenwart sieht so aus: Mercedes ist besser als der Rest, und wenn alles normal läuft, schlägt Hamilton seinen Silberpfeil-Kollegen Rosberg.

Auf dem Weg zu grundlegenden Neuerungen lähmt sich die Serie zudem selbst, selten herrscht die notwendige Einigkeit unter den Teams, um etwas Neues auszuprobieren. Nicht wenige wünschen sich vor diesem Hintergrund unumwunden ein wenig mehr Diktatur zurück, wieder mehr Macht für Formel-1-Boss Bernie Ecclestone also, auch in Bezug auf die Regeln. "Es gibt zu viele Chefs", sagt etwa Red-Bull-Teamchef Christian Horner: "Bernie und Jean Todt (FIA-Präsident, die Red.) sollten entscheiden. Wenn man die Teams fragt, wird nie etwas passieren."

Immerhin, aus deutscher Sicht gab es noch einen zweiten heimlichen Sieger des Rennens, neben dem Murmeltier also. Sebastian Vettel steuerte seinen Ferrari nach einem missratenen Qualifying von Position 18 auf Rang fünf. Und die Einschätzung der spanischen Marca war nicht gerade ein Loblied auf den Rest des Feldes: "Er bewies, dass er einer der wenigen hungrigen Piloten ist."

(sid)
 
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