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Kritik an Ferrari immer lauter
Vettel "hat sein Mojo verloren"

Porträt: Vettel – der viermalige Formel-1-Weltmeister
Porträt: Vettel – der viermalige Formel-1-Weltmeister FOTO: dpa, pst jai nic
Austin . Sebastian Vettel will weiter an sein Projekt Ferrari glauben, doch immer mehr Experten äußern deutliche Zweifel. Sie sehen ein zerrissenes Team, ein "Klima des Terrors" gar - und längst wird auch die Zukunft Vettels in Maranello infrage gestellt.

Eigentlich hat Sebastian Vettel keine Chance. Immer wieder muss der viermalige Weltmeister in diesem Jahr das Scheitern Ferraris erklären, mit den immer gleichen Worten verteidigt er sein Team und gelobt Besserung - doch sein Problem bleibt stets dasselbe: Die Zweifler sind mittlerweile lauter als er. Viel lauter.

Vor dem Großen Preis der USA (Sonntag 21 Uhr MESZ/Live-Ticker) transportierte nun eine der größten Sportzeitungen Italiens die neueste und bislang wohl schärfste Anklage. "Ferrari in Angst", titelte der Corriere dello Sport in fetten schwarzen Buchstaben. Bei der Scuderia herrsche ein "Terrorklima", das jeden Fortschritt hemme.

Die Aussagen stammen von Luca Baldisserri, und seine Worte haben Gewicht bei den Tifosi. In der erfolgreichsten Ära Ferraris war er Top-Ingenieur der Scuderia und wichtiger Zuarbeiter für Michael Schumacher - heute blickt er vor allem kopfschüttelnd auf seinen früheren Arbeitgeber.

Fragen und Antworten zum Großen Preis der USA

Die Scuderia sei "kein Team mehr, sondern eine Gruppe ängstlicher Menschen", sagt Baldisserri. Schuld trage die neue "fachfremde" Chefetage um Präsident Sergio Marchionne, mit Schnellschüssen wie der Entlassung des angesehenen Technikchefs James Allison während der Saison habe man für Verunsicherung gesorgt. "Wenn Fehler passieren, dann gehören die Leute nicht gleich weggeschickt. Aber genau das ist James Allison passiert. Ein schwerer Verlust", sagte Baldisserri.

Komplettumbau eines Rennstalls ein langwieriger Prozess

Red Bull ist spätestens seit der Sommerpause der stärkere Mercedes-Verfolger als Ferrari, der einfache Grund: Beim früheren Weltmeister-Team scheint man den eigenen Boliden viel besser zu verstehen. Ist unter diesen Umständen überhaupt eine erfolgreiche Saison 2017 für die Scuderia möglich? Baldisserri glaubt nicht wirklich daran. "Ich verstehe ja, dass Marchionne schnell gewinnen will, aber so funktioniert das in der Formel 1 nicht", sagt er. Der Komplettumbau eines Rennstalls sei ein langwieriger Prozess.

Nun ist der Italiener aufgrund seiner Ferrari-Vergangenheit ein Kritiker mit besonderer Reichweite, doch er ist bei weitem nicht der einzige. Und viele "Experten" sind sich einig: Das verlorene Jahr 2016 ist schon der Anfang vom Ende der Ehe zwischen Vettel und Ferrari.

Eddie Irvine etwa, einst Teamrivale Schumachers in Maranello, sieht einen chaotischen Haufen. Selbst ausgewiesene Fachleute wie der langjährige Teamchef und heutige FIA-Präsident Jean Todt würden "heute fünf, sechs, sieben Jahre brauchen, um das wieder in den Griff zu kriegen", sagt er. Und der frühere Grand-Prix-Pilot Martin Brundle glaubt gar, dass Vettel in Italien die Lust an der Königsklasse abhanden gekommen ist.

"Ich glaube", sagt der heutige TV-Experte, "Sebastian Vettel ist nicht mehr allzu lange Teil der Formel 1. Er hat so jung begonnen, so viele Rekorde gebrochen. Und wenn ich ihm jetzt bei der Arbeit zuschaue, muss ich sagen: Er hat sein Mojo verloren." Vettel selbst käme so etwas nie über die Lippen. Der Heppenheimer spricht beinahe trotzig schon vom kommenden Jahr. Leider sind die anderen derzeit häufig lauter. Viel lauter.

(sid)
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