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Showdown in Interlagos: "Iceman" Räikkönen schafft das Wunder

zuletzt aktualisiert: 21.10.2007 - 21:12

Sao Paulo (RPO). Der sonst so kühle "Iceman" Kimi Räikkönen ist am Saisonende doch noch aufgetaut. Der Finne überquerte beim Großen Preis von Brasilien in Sao Paulo nicht nur als Erster die Zielliene, sondern sprang auch über seinen eigenen Schatten. Für den Ferrari-Piloten gab es nach dem Gewinn des WM-Titels am Sonntag kein Halten mehr.

Räikkönen genoss den Triumph in vollen Zügen. Die Champagner-Flasche auf dem Podest der Siegerehrung behielt ihren Inhalt nur für Sekunden, danach wurde getrunken und im Freudentaumel mit der "edlen Brause" geduscht. Vorausgegangen war dem Szenario ein überragender Sieg des italienischen Rennstalls.

Der neue Formel-1-Weltmeister überflügelte im letzten Rennen der Saison durch seinen Sieg den bis dato Führunden Lewis Hamilton, der nur Siebter wurde.

Der Außenseiter hat damit Wunderkind Hamilton und McLaren-Mercedes aus allen Titel-Träumen gerissen. Der "Iceman" behielt im Glutofen Sao Paulo kühlen Kopf und sicherte sich mit seinem sechsten Saisonsieg nach zwei Vize-Titeln die erste Fahrer-Krone.

Räikkönen gewann das spannendste Saisonfinale seit 21 Jahren vor seinem Teamkollegen Felipe Massa (Brasilien). Der Lokalmatador, der seinen Heim-Grand-Prix lange Zeit anführte, durfte aber wegen der brisanten Titel-Konstellation seinen Vorjahreserfolg sehr zum Leidwesen seiner 70.000 Landsleute nicht wiederholen.

"Ich werde heute und den ganzen Monat auf Wolke sieben schweben", sagte Räikkönen, der als dritter Finne nach Keke Rosberg und Mika Häkkinen Weltmeister wurde, nach seinem überraschenden Triumph: "Wir waren in manchen Momenten in diesem Jahr nicht in der besten Position. Aber wir haben immer daran geglaubt, dass wir zurückkommen und einen besseren Job als die Anderen machen können. Das war gut so."

Alonso belegte bei Temperaturen von 37 Grad Celsius den dritten Rang - zu wenig, um den Titel-Hattrick zu schaffen. Der als klarer Favorit nach Brasilien gereiste Hamilton kam nach einer Pannenserie nicht über Platz sieben hinaus.

Der 22-Jährige vergab damit nach Schanghai auch den zweiten Matchball, sich zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten zu krönen. Am Ende landeten Hamilton und Alonso punktgleich mit jeweils einem Zähler Rückstand auf Räikkönen auf den Plätzen zwei und drei.

Damit stehen McLaren-Mercedes stürmische Zeiten bevor. Trotz bester Voraussetzungen stehen die Silberpfeile mit leeren Händen da und warten weiter auf den ersten Fahrer-Titel seit Mika Häkkinen 1999. Und in der Konstrukteurs-WM waren dem Rennstall wegen der Spionage-Affäre alle Punkte aberkannt worden, auch diese Trophäe wanderte nach Maranello.

"Das ist schwer zu akzeptieren. Bei Lewis hat das Getriebe gehakt, das kann passieren", meinte der enttäuschte McLaren-Chef Ron Dennis: "Lewis und wir hatten eine tolle Saison." Der entthronte Alonso gab zu Protokoll: "Gratulation an Kimi. Ich habe immer gesagt, wer am Ende die meisten Punkte hat, der verdient den Titel."

Williams-Toyota-Pilot Nico Rosberg (Wiesbaden) war als Vierter bester Deutscher und feierte das beste Resultat seiner Karriere. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) belegte hinter seinem BWW-Sauber-Kollegen Robert Kubica (Polen) Rang sechs. 

Beim Start behauptete das Ferrari-Duo Massa und Räkkönen locker die Spitzenplätze, doch dahinter überschlugen sich die Ereignisse. Alonso überholte Hamilton, und als der Brite dann mit zuviel Risiko kontern wollte, trug es ihn aus der Kurve heraus. Die Konsequenz: Hamilton fiel hinter Heidfeld auf Position sieben zurück.

In Runde sieben ließ Heidfeld den WM-Spitzenreiter ohne große Gegenwehr vorbei. Doch kurz darauf der Schock in der Mercedes-Box. Hamilton rollte nur noch im Schritttempo über die Piste, das Aus aller WM-Träume schien bereits gekommen. Schier endlose Sekunden vergingen, und der 22-Jährige wurde bis auf Rang 18 durchgereicht. Als Hamilton sein bockendes Auto schon abstellen wollte, lief der Silberpfeil plötzlich auf wundersame Weise wieder wie geschmiert.

Auch nach den ersten Boxenstopps blieben die Ferrari-Piloten vorn; Massa führte stets mit drei bis vier Sekunden vor Räikkönen. Alonsos Rückstand betrug zur Rennmitte bereits 20 Sekunden. Sein Teamkollege Hamilton hing hinter Sebastian Vettel (Heppenheim) im Toro-Rosso-Ferrari zunächst auf Rang zwölf fest.

Nur sehr langsam schob sich Hamilton weiter nach vorn. Doch bei Platz sieben war die Aufholjagd vorbei. Die Entscheidung über Sieg und WM-Titel fiel in der 53. Runde, als Räikkönen nach dem genau getimten zweiten Boxenstopp wenige Meter vor Massa auf die Piste zurückkehrte. In der Ferrari-Box war der Jubel groß.

Nick Heidfeld erlebte das beste Jahr seiner Formel-1-Karriere. Der Mönchengladbacher konnte als einziger Fahrer halbwegs das Tempo der Top-Teams McLaren-Mercedes und Ferrari mithalten. Die Belohnung dafür war der Titel "Best of the Rest", Platz fünf der WM-Wertung. "Dass es so gut läuft, hatte auch ich nicht erwartet", sagt "Quick Nick".

Doch Heidfeld will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. "Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dann ist der WM-Titel in zwei Jahren realistisch", meint der BMW-Sauber-Pilot: "Das Ziel von BMW ist es, in der nächsten Saison ein Rennen zu gewinnen und dann um den Titel zu kämpfen."

Für Ralf Schumacher, der Elfter wurde, ist das Kapitel Formel 1 vorerst beendet. Nach dem Abschiedsrennen für Toyota steht der 32-Jährige erstmals auf der Straße. Vom Karriereende will "Schumi II" dennoch nichts wissen. Fast trotzig sagt er: "Meine Zukunft in der Formel 1 ist sicher."

Das sieht Ralf Schumachers ehemaliger Manager Willi Weber aber ganz anders: "Es wird wahnsinnig schwer für Ralf." Es gebe derzeit kein Team, bei dem Ralf unterkommen könne, so Weber. Als mögliche Kandidaten wurden Hinterbänkler-Spyker und Neueinsteiger Prodrive gehandelt. Laut Formel-1-Boss Bernie Ecclestone werde Prodrive allerdings 2008 nicht an den Start gehen.


Formel 1, Großer Preis von Brasilien, 17. und letzter Lauf zur Weltmeisterschaft in Sao Paulo, Endstand nach 71 Runden (305,909 km):

1. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari 1:28:15,270 Stunden
2. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari 0:01,493 Minuten zurück
3. Fernando Alonso (Spanien) McLaren-Mercedes 0:57,019
4. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams-Toyota 1:02,848
5. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber 1:10,957
6. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber 1:11,317

1 Runde zurück:
7. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes
8. Jarno Trulli (Italien) Toyota
9. David Coulthard (Großbritannien) Red-Bull-Renault
10. Kazuki Nakajimi (Japan) Williams-Toyota
11. Ralf Schumacher (Kerpen) Toyota

2 Runden zurück:
12. Takuma Sato (Japan) Aguri-Honda
13. Vitantonio Liuzzi (Italien) Toro-Rosso-Ferrari

3 Runden zurück:
14. Anthony Davidson (Großbritannien) Aguri-Honda

Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen 1:12,445 Minuten (66. Runde)

Ausgeschieden: Mark Webber (Australien) Red-Bull-Renault, Rubens Barrichello (Brasilien) Honda, Giancarlo Fisichella (Italien) Renault, Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro-Rosso-Ferrari, Jenson Button (Großbritannien) Honda, Heikki Kovalainen (Finnland) Renault, Adrian Sutil (Gräfelfing) Spyker-Ferrari, Sakon Yamamoto (Japan) Spyker-Ferrari


 
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