Beeindruckende Dokumentation: "Senna" – Kampf gegen die Ungerechtigkeit
zuletzt aktualisiert: 12.05.2011 - 10:30Köln (RPO). Vor 17 Jahren starb zuletzt ein Formel-1-Pilot während eines Rennens. Ayrton Senna fuhr beim Großen Preis von San Marino 1994 in der Hochgeschwindigkeitskurve Tamburello geradeaus. Die Radaufhängung bohrte sich beim anschließenden Aufprall durch seinen Helm. Der Tod von Imola stürzte die Rennsport-Fans weltweit in kollektive Trauer. Der Film mit dem einfachen Titel "Senna" würdigt das Leben des dreimaligen Weltmeisters. Am Donnerstag startet der Streifen in den deutschen Kinos.
Da ist es wieder, dieses Gesicht mit den ausdrucksstarken dunklen Augen, mit dem feinen Lächeln. Ayrton Senna winkt in die jubelnde Menge, er hat gewonnen, wieder mal, die Fans feiern ihn mit lautstarken Freudengesängen. Dann ist es still. Man sieht den zerstörten Williams, die Notärzte, den Helikopter. Ayrton Senna ist tot. Die Formel 1 weint. Eine Legende ist geboren.
Zusammengestellt einzig und allein aus Originalmaterial, davon viele bisher unbekannte Bilder aus dem Privatarchiv der Familie, beleuchtet der Film den Weg Sennas an die Spitze der Formel 1, seinen ewigen Kampf gegen die Autoritäten und für Gerechtigkeit in diesem Millionen-Geschäft, sein Dauerduell mit Alain Prost, aber auch seine Religiosität und seine Bedeutung für Brasilien, sein Heimatland, das ihn bis heute als den größten seiner Helden verehrt.
Das ganz Besondere dabei: Regisseur Asif Kapadia, Autor Manish Pandey und Produzent James Gay-Reece ist es gelungen, mit Originalausschnitten aus unzähligen Interview-Stunden den dreimaligen Weltmeister, der am 1. Mai 1994 in Imola tödlich verunglückte, seine eigene Geschichte erzählen zu lassen. Faszination und Emotionen wirken sofort, der Funke springt über - von der ersten bis zur letzten der 104 Filmminuten.
Intimer Einblick in die Formel 1
Der britische Filmemacher wirft einen packenden Blick hinter die Kulissen der Formel 1, erzählt von politischen Intrigen sowie von der Überheblichkeit mancher Funktionäre. Dabei zeigt seine Kamera Bilder aus den Hinterzimmern des Fahrerlagers. Der Zuschauer bekommt ein Gefühl, direkt bei Teamsitzungen und Fahrerbesprechungen dabei zu sein. Derart intim wurde die "Königsklasse" wohl nie zuvor durchleuchtet.
Die Handlung konzentriert sich aber vor allem auf das Duell zwischen Prost, dem französischen Professor, und Senna, dem südamerikanischen Heisssporn. Die Rollen sind dabei klar verteilt. Auf der einen Seite der analytisch kalkulierende Prost, der sogar hintere Plätze in Kauf nahm, wenn er dadurch an der Spitze der Fahrerwertung blieb. Auf der anderen Seite wird Senna als leidenschaftlicher Motorsportler präsentiert, der nichts anderes wollte, als Rennen zu fahren - und zu gewinnen.
Der Regengott
Dass Senna wegen seines kompromisslosen Fahrstils bei seinen F1-Kollegen durchaus gefürchtet war, blendet der Film nahezu aus. Kapadia geht es schließlich um eine reine Heldenverehrung. Er skizziert daher einen sympathischen Lebemann, der wie kein anderer um die Poleposition kämpfen konnte und auf nasser Fahrbahn die Konkurrenz geradezu beherrschte. Senna, der Regengott.
Bei der offiziellen Weltpremiere im November 2010 in Brasilien war auch ein großer Teil der Senna-Familie anwesend, Ayrtons Schwester Viviane beispielsweise, die den Film autorisierte und bis heute die Ayrton-Senna-Stiftung leitet. Diese unterstützt jedes Jahr mit Millionenbeträgen Projekte für bedürftige Kinder, ihr kommen auch Anteile der Filmeinnahmen zugute.
Mit dabei war auch Bruno Senna, Vivianes Sohn, Ayrtons Neffe, heute selbst als Testfahrer bei Lotus Renault in der Formel 1. "Es war wirklich sehr emotional, gar nicht so einfach, im Kino meine Gefühle zu kontrollieren", erzählte er später. Die Bilder brachten viele Erinnerungen zurück, "auch an Kleinigkeiten, die ich zum Teil schon vergessen hatte, ich war ja damals noch ein Kind".
Brunos persönliche Erinnerungen betreffen vor allem die Ferienzeiten, die er zusammen mit seinem berühmten Onkel in Angra verbrachte: "Unsere Jet-Ski-Rennen, die Fahrten mit dem Boot hinaus zum Pier, auf dem er immer gelaufen ist, und zu den Inseln." Was den jungen Senna besonders berührte, waren die Bilder, die Ayrton zusammen mit dessen Eltern zeigen: "Dass mich das so bewegt, kommt bestimmt vor allem daher, dass ich weiß, wie schwer es für meinen Großvater Senhor Milton war, meine eigene Rennkarriere zu akzeptieren."
Bedeutung für Brasilien
Aber auch viele der Onboard-Aufnahmen und Rennszenen aus bisher unbekannten Perspektiven faszinierten Bruno: "Ich habe mir den Film in der Zwischenzeit noch ein paarmal angeschaut, um alles genau zu studieren. Ich glaube, dass der Streifen auch denen, die ihn nie kennengelernt haben, sehr gut erklärt, wer Ayrton war, und welch große Bedeutung er vor allem für Brasilien hatte und auch bis heute immer noch hat."
In Japan, Brasilien und in den USA war er schon ein großer Erfolg. Eine Dokumentation über Senna, den wohl faszinierendsten Piloten der Geschichte, der die Menschen nicht nur durch seine Leistungen auf der Strecke, sondern vor allem durch seine außergewöhnlich charismatische Persönlichkeit in seinen Bann zog.
Der Tod des Brasilianers Senna im Alter von 34 Jahren sorgte für eine Zäsur in der Formel 1. Im Anschluss wurden die Sicherheitsvorkehrungen an den Strecken und in den Rennboliden massiv erhöht. Seither ist in der größten Motorsportklasse kein Fahrer mehr gestorben.- RP ONLINE
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