Nur noch Mitleid für die Eiskunstläufer: Für die Deutschen ist die Weltspitze fast unerreichbar
zuletzt aktualisiert: 12.11.2000 - 15:55Gelsenkirchen (sid). 15 Monate vor den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City ernten die deutschen Eiskunstläufer nur noch Mitleid - und das von höchster Stelle. "Ich wünsche den Deutschen eine bessere Mannschaft", kommentierte Weltpräsident und Ehrengast Ottavio Cinquanta höflich und entlarvend zugleich das Abschneiden der Gastgeber beim Grand-Prix-Wettbewerb in Gelsenkirchen.
Die seit Jahren anhaltende Talfahrt ging auch in Gelsenkirchen rasant weiter, doch Angela Siedenberg, Präsidentin der Deutschen Eislauf-Union (DEU), bemühte so unverdrossen wie in den Vorjahren das Prinzip Hoffnung: "Wir haben Talente und vertrauen darauf, dass sie auch den Durchbruch schaffen. Unsere Nachwuchsarbeit könnte schon bald erste Früchte tragen."
Doch was im offiziellen Programmheft noch verschämt als "Aufbauphase" tituliert wurde, ist in Wahrheit eine tiefgehende strukturelle Krise, deren Dauer überhaupt nicht abzusehen ist. Wie schlampig in der Vergangenheit gearbeitet wurde, beweist die Einführung eines regelmäßigen Fitness-Tests für alle Kaderathleten, bei dem mehrere Sportler auch prompt durchfielen. DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf: "Vielleicht haben wir da den Heimtrainern zu lange vertraut."
Zu den wenigen, die sich von dieser verbalen Ohrfeige nicht getroffen fühlen musste, zählt Ilona Schindler. Die Betreuerin des Junioren-Weltmeisters Stefan Lindemann, der in Gelsenkirchen wegen einer Innenbanddehnung im rechten Knie nach dem Kurzprogramm aufgeben musste, hat die Normenüberprüfung schon lange gefordert und sogar mit initiiert: "Unverständlich, dass manche Kollegen dagegen noch Vorbehalte haben. Das sind ganz simple Grundlagen des Leistungssports."
Wenigstens in der letzten Entscheidung am Sonntag konnten die Gastgeber bei der Medaillenvergabe ein Wörtchen mitreden. Die deutschen Eistanz-Meister Kati Winkler und Rene Lohse aus Berlin erreichten Rang vier, geschlagen nur von den absoluten Top-Paaren Barbara Fusar Poli/Maurizio Margaglio (Italien), Margarita Drobiazko/Povilas Vanagas (Litauen) und Shae-Lynn Bourne/Victor Kraatz (Kanada). Lediglich Zwölfte und Letzte wurden Stephanie und Thomas Rauer aus Essen, während der Kür brach eine alte Sprungelenksverletzung bei dem 23-Jährigen wieder auf.
Grund zur Zufriedenheit
Daher waren die Wahl-Oberstdorfer auch die einzigen deutschen Kufenkünstler, die Grund zur Zufriedenheit hatten. "Diese Platzierung ist eine Bestätigung unserer guten Arbeit", meinte Lohse, und Partnerin Kati ergänzte: "Es macht uns Mut, dass wir sehen, dass kein Paar mehr unerreichbar entfernt ist."
Für fast alle Kufenkollegen der diesjährigen WM-Sechsten gilt genau dies in keinster Weise. Meister Lindemann (Erfurt) konnte seine Form wegen seiner Blessur nicht unter Beweis stellen, der Rest hatte auf der mit 264.000 Dollar dotierten Veranstaltung schlichtweg nichts zu suchen. Doch anstelle diesen verheerenden Eindruck ein bisschen zu kaschieren, verzichtete die DEU aus "taktischen Gründen" darauf, wenigstens Ex-Meister Andrejs Vlascenko (Füssen) zu einem Start in der Emscher-Lippe-Halle zu überreden.
So setzten wie gewohnt die Weltklasseläufer aus Russland die sportlichen Glanzlichter. Ex-Weltmeisterin Maria Butirskaja dominierte den Damen-Wettbewerb, bei den Herren kassierte Europameister Ewgeni Pluschenko sogar die einzige "Traumnote 6,0" der gesamten Veranstaltung. Lediglich die Paarlauf-Weltmeister Maria Petrowa und Alexej Tichonow mussten sich den Franzosen Sarah Abitbol und Stephane Bernadis beugen.
Grand Prix in Gelsenkirchen, Eistanzen, Endstand:
1. Barbara Fusar Poli/Maurizio Margaglio (Italien) 2,0 Punkte 2. Margarita Drobiazko/Povilas Vanagas (Litauen) 4,0 3. Shae-Lynn Bourne/Victor Kraatz (Kanada) 6,6 4. Kati Winkler/Rene Lohse (Berlin) 7,4 5. Isabelle Delobel/Olivier Schoenfelder (Frankreich) 11,2 6. Natalia Romaniuta/Danil Barantsew (Russland) 11,4 7. Magali Sauri/Michail Stifunin (Frankreich) 13,8 8. Eliane und Daniel Hugentobler (Schweiz) 15,6 9. Agata Blazowska/Marcin Kozubek (Polen) 18,4 10. Gloria Agogliati/Luciano Milo (Italien) 19,6 11. Nozomi Watanabe/Akiyuki Kido (Japan) 12. Stefanie und Thomas Rauer (Essen) jeweils 23,0
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