Deutsche Großchance in der 92. Minute: Was erlauben denn Rosetti?
VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 30.06.2008 - 14:08Wien (RPO). Es ist die 92. Minute: Ein letztes Mal wird der Ball verzweifelt nach vorne geschlagen, ein letztes Mal steigen die DFB-Offensivkräfte zum Kopfball hoch. Plötzlich gibt es ein Gewühl im Strafraum der Spanier - Bastian Schweinsteiger fällt die Kugel vor die Füße. Die deutschen Fans springen auf, glauben an die Wende. Dann aber kommt er, der Pfiff von Schiri Roberto Rosetti. Warum nur?
Der italienische Unparteiische hatte ein Foulspiel von Mario Gomez erkannt. Angeblich hatte der Stuttgarter Angreifer Gegenspieler Carlos Marchena geschoben. Tatsache ist, dass Gomez den Arm ungeschickt in die Höhe hob und den Iberer leicht berührte. Aber ein Foul? Ein englischer Schiedsrichter hätte hier wohl nicht mal gezuckt. Was also erlauben Roberto Rosetti?
Spaß beiseite, die deutsche Mannschaft kann sich alles in allem natürlich nicht beklagen. Im Prinzip war sie gegen ein furios aufgelegtes Spanien chancenlos. Zehn gute Minuten zu Beginn, dann noch mal zehn zwischen der 60. und 70. Minute - das war es dann aber auch schon mit der Herrlichkeit.
Großzügig betrachtet hatten die Löw-Schützlinge im gesamten Match zwei Tormöglichkeiten. Einmal kurz nach Beginn, als Klose auf halblinks frei durchgehen konnte, das Leder aber selbst ins Toraus stolperte. Und dann noch der Versuch von Michael Ballack, der im zweiten Durchgang am Außennetz landete.
So schmerzhaft diese Feststellung auch sein mag: Spaniens Keeper Iker Casillas - er musste keinen einzigen ernsthaften Ball halten. Hätte der Torsteher von Real Madrid zwischen der 10. und 60. Minute einen Gemüsegarten in seinem Strafraum angelegt - für lange Zeit hätte es wohl niemand gemerkt.
Tatsächlich schien der spanischen Nummer eins phasenweise ein wenig langweilig zu sein. Casillas kniete in seinem Torraum und schaute sich an, was da vor ihm ablief. Und das war nicht viel, von deutscher Seite versteht sich.
Daher steht es auch völlig außer Frage, dass die Iberer ein würdiger und absolut verdienter Europameister sind. Das Ergebnis fiel am Ende sogar noch schmeichelhaft für die Truppe von Bundestrainer Jogi Löw aus.
Beinahe-Eigentor von Metzelder
Man denke nur an das Beinahe-Eigentor von Christoph Metzelder, den Pfostentreffer des überragenden Fernando Torres oder die Chance von Marcos Senna, der vor dem leeren Kasten Zentimeter am Ball vorbeirutschte. Wäre das Match 0:3 ausgegangen - hätten Ballack und Co. sich beklagen könnnen?
Die Südeuropäer waren in allen Belangen überlegen, das muss man auch mal anerkennen können. Was Spanien da spielte, war blitzsauberer, technisch starker Fußball. Zu gut für die deutsche Mannschaft. Zu gut auch für den Rest des EM-Teilnehmerfeldes. Die spanische Bilanz: Sechs Spiele, sechs Siege, davon einer im Elfmeterschießen. Da bleiben kaum Fragen offen.
Nur ein kleiner, aber fader Beigeschmack blieb gestern - und der hieß Roberto Rosetti. Nicht nur wegen seiner Aktion in der Nachspielzeit fiel der italienische Star-Schiedsrichter negativ auf. In Durchgang zwei übersah er zudem einen Kopfstoß von David Silva an Lukas Podolski. Rosetti ließ die Partie trotz vehementer Proteste der DFB-Bank weiterlaufen, Silva mimte den Unschuldsengel.
Wie unschuldig er tatsächlich gewesen sein musste, erfuhr man wenige Sekunden später. Da nahm ihn Spaniens Trainer-Fuchs Luis Aragones nämlich (wohl aus Sicherheitsgründen) blitzschnell vom Platz. Mag sein, dass diese Auswechslung länger geplant gewesen war. Dennoch wirkte es wie ein komischer Zufall.
Zumindest muss im Fall Rosetti einräumen, dass er auf beiden Seiten Fehler machte. So übersah er gütlich ein klares Handspiel von Jens Lehmann außerhalb des Strafraums - es wäre eine Rote Karte gewesen. Das aber wollte der Unparteiische dem 38-Jährigen in seinem vielleicht letzten Match im DFB-Trikot offenbar nicht antun und winkte ab. Nett, aber eine Fehlentscheidung.
Es war mit Sicherheit nicht die stärkste Vorstellung des Italieners. Da ging es ihm allerdings ähnlich wie der deutschen Mannschaft.
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