Harte EM-Gruppe für Deutschland: Erster Klassiker schon am zweiten Spieltag
zuletzt aktualisiert: 02.12.2011 - 20:06Düsseldorf (RPO). Marco van Basten hat der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine eine echte Hammer-Gruppe beschert. Ausgerechnet der Europameister von 1988 loste das DFB-Team in eine Gruppe mit seinen Niederländern sowie Portugal und Dänemark. Schon am zweiten Spieltag kommt es zum Klassiker gegen Holland. Deutschland muss in der Gruppenphase Höchstleistung abliefern.
Joachim Löw nahm das Los mit versteinerter Mine hin, hatte sich wenige Minuten nach der Zeremonie in Kiew aber wieder gefangen. "Ich glaube, dass dies die schwerste, stärkste und ausgeglichenste Gruppe des Turniers ist", sagte der Bundestrainer. "Aber wir haben keine Angst."
Sein niederländischer Kollege schob alle Gedanken an das ewig junge Duell völlig beiseite. "Ich denke nicht an den Top-Favoriten, ich denke nur an das erste Spiel", sagte Bert van Marwijk.
Nichtsdestotrotz ist das Duell Deutschland vs. Oranje am 13. Juni 2012 in Charkow in der Gruppe B das Spiel der Spiele für beide Teams. Insgesamt 38-mal standen sich die Kontrahenten gegenüber, 14 Spiele gewann Deutschland, zehn die Niederländer.
Erinnerungen an das 3:0
Auf den 14. Sieg hatte das DFB-Team aber mehr als 15 Jahre warten müssen. Am 15. November in Hamburg wurde das Team von Bondscoach Bert van Marwijk 3:0 abgekanzelt. Das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zeigte eine brillante Leistung, spielte wie die Holländer zu besten Zeiten.
Gekennzeichnet waren die Vergleiche zwischen den Nachbarländern immer von viel Brisanz - manchmal auch deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus. Gegner-Trikots, die als Klopapier missbraucht wurden, Spuckattacken, Demütigungen bei Abschiedsspielen - die Rivalität ist ohne Zweifel außergewöhnlich.
Legendäres Spiel 1974
Der sportliche Ursprung allen Übels liegt in der bittersten Niederlage, die Oranje jemals hat hinnehmen müssen. Das 1:2 im WM-Finale 1974 gegen Gastgeber Deutschland nagt bis heute an der holländischen Seele, weil die Elftal nicht wie 2010 in Südafrika gegen Spanien (0:1 n.V.) als Außenseiter ins Endspiel ging, sondern die Elf um Johan Cruyff die unbestritten beste ihrer Zeit war.
Eine andere, fast vergessene Episode um den genialen Strategen Cruyff dokumentiert vielleicht am besten das Verhältnis zwischen beiden Ländern, obwohl die Nationalmannschaften nicht betroffen waren. Am 7. November 1978 wollte sich Cruyff im Trikot von Ajax Amsterdam eigentlich in Freundschaft mit Bayern München messen, um standesgemäß seinen Abschied von der internationalen Fußball-Bühne zu begehen. Angetrieben vom Ehrgeiz, den ungeliebten Gegner zu blamieren, führten die Bayern den Traditionsklub im Amsterdamer Olympiastadion vor - Endstand: 0:8.
"In den 80ern war das ja fast Krieg"
Vor allem aber die Duelle zwischen den A-Teams beider Länder sind bis heute Höhepunkte, wenn auch die Zeit viele Wunden geheilt und dem Duell einen guten Teil Brisanz genommen hat. Schon lange lehnt sich niemand mehr aus dem Fenster, um den Nachbarn zu verunglimpfen, auch diesmal nicht. "Die Rivalität zwischen Holland und Deutschland ist nicht mehr so groß wie früher", sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff: "In den 80ern war das ja fast Krieg."
Zum Beispiel 1988: 14 Jahre nach München nahm Holland Rache und gewann in Hamburg das EM-Halbfinale gegen den Gastgeber 2:1. Aber vor allem das Nachspiel brachte die deutsche Volksseele zum Kochen. Nach dem Abpfiff putzte sich Ronald Koeman mit dem Trikot von Olaf Thon demonstrativ den Allerwertesten ab. Der schussgewaltige Defensivspieler wurde damit zum Idol für diejenigen unter seinen Landsleuten, die die Deutschen vor allem als Besatzer des Vaterlandes zwischen 1941 und 1945 ansehen.
"Freundliche und höfliche Menschen"
Nicht vergessen, aber vergeben - dieses Motto scheinen mittlerweile viele Niederländer zu verfolgen. "Für mich ist das Spiel gegen Deutschland nicht mehr beladen. Meine Generation denkt anders über die Deutschen als die ältere. Die WM 2006 hat den Ruf Deutschlands in den Niederlanden erheblich verbessert", sagt Abwehrchef Joris Mathijsen, der auch gerne an seine Zeit beim Hamburger SV zurückdenkt: "Ich habe die echten Deutschen kennengelernt. Es sind sehr freundliche und höfliche Menschen."
Derartige Einschätzungen wären noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Bei der WM 1990 in Italien vergaß Frank Rijkaard seine gute Kinderstube und bespuckte Rudi Völler während des WM-Achtelfinals in Mailand gleich zweimal. Völler sah zwar ebenso die Rote Karte wie Rijkaard, doch nach der besten Leistung von Jürgen Klinsmann im DFB-Trikot gewann Deutschland 2:1 und nahm damit eine hohe Hürde auf dem Weg zum dritten WM-Titel.
Ein Jahr zuvor war ein Versuch der beiden Verbände DFB und KNVB, die Wogen zu glätten, grandios fehlgeschlagen. Das WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam (1:1) sollte zum "Fan-Freundschaftsspiel" werden. Durch den Aufruf wohl noch angestachelt, schlugen sich Hooligans stundenlang die Köpfe ein. Heute scheint die Rivalität in den Fan-Szenen noch das letzte bisschen Problempotenzial zu bergen.
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