Interview mit Jean-Marie Pfaff: "Fußball-Belgien hält zusammen"
zuletzt aktualisiert: 31.08.2010 - 17:10Düsseldorf (RP). Jean-Marie Pfaff (56), ehemaliger belgischer Weltklasse-Torhüter, spricht in einem Interview mit unserer Redaktion über das EM-Qualifikationsspiel am Freitag in Brüssel, den Wunsch, in Deutschland als Trainer zu arbeiten und seine eigene TV-Show.
Herr Pfaff, am Freitag trifft die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation auf Belgien. Was bedeutet dieses Spiel für die belgische Mannschaft?
Pfaff: Für sie ist es eine Ehre, gegen Deutschland zu spielen. Man bekommt nicht jedes Jahr die Chance, gegen ein so starkes Team anzutreten. Lahm oder Schweinsteiger sind überragende Spieler, mit Neuer und Adler haben die Deutschen zwei super Torhüter.
Wo liegen die Stärken der belgischen Nationalelf?
Pfaff: Wir haben viele junge, talentierte Spieler, die vor allem kämpferisch stark sind. Das Team muss aber noch zu einer Einheit zusammenwachsen. Die Automatismen im Spiel funktionieren oft noch nicht. Die Entwicklung wird sicherlich noch drei bis vier Jahre dauern.
Geboren: 4. Dezember 1953 in Lebbeke/Belgien
Vereine: SK Beveren (1963-1982), Bayern München (1982-1988), SK Lierse (1988-1989), Trabzonspor (1989-1990)
Nationalmannschaft: 61 Länderspiele für Belgien (1976-1986)
Erfolge: Meister und Pokalsieger mit Bayern München, Belgischer Meister und Pokalsieger mit Beveren, Platz vier bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko, Wahl zum Welttorhüter 1987
Hat die Mannschaft überhaupt eine Chance, das Spiel zu gewinnen?
Pfaff: Ich sehe die Chancen bei 50:50. Wer hätte am Wochenende gedacht, das Gladbach in Leverkusen sechs Tore schießt? Im Fußball ist alles möglich. Belgien wird defensiv agieren, auf Konter lauern und versuchen, die wenigen Chancen zu nutzen. Für Deutschland wird es schwieriger als noch bei der WM.
Nach der Parlamentswahl in Belgien haben Separatisten mehr Rechte für Flamen durchgesetzt. Es droht eine Abspaltung Flanderns vom Nationalstaat. Wie beurteilen Sie die politische Situation?
Pfaff: Das ist eine Sache der Politik. Ich hoffe, dass es bald eine gute Lösung geben wird.
Ist diese Brisanz auch beim Fußball zu merken?
Pfaff: Nein, beim Fußball spüren die Leute das nicht.
Könnte eine Teilung des Landes ein Problem für den belgischen Fußball werden?
Pfaff: Das glaube ich nicht. Als wir 1986 von der WM in Mexiko nach Belgien zurückkehrten, haben uns 100.000 Fans zugejubelt. Da haben alle zusammen gefeiert, egal ob Flamen oder Wallonen. Man weiß aber nie, wie die Zukunft aussieht. Wichtig ist der gegenseitige Respekt der Menschen. Am Freitag werden alle belgischen Fans zusammenhalten und die Mannschaft anfeuern.
Schafft Belgien die Qualifikation für die EM 2012?
Pfaff: Es wäre toll, nach 2002 endlich wieder bei einem großen Turnier dabei zu sein. Deutschland ist Favorit in der Gruppe. Aber auch die Türkei und Belgien haben Chancen, sich zu qualifizieren.
Bei Bayern München haben Sie Ihre größten sportlichen Erfolge gefeiert. Haben Sie noch Kontakt zum Klub?
Pfaff: Engen Kontakt nach München habe ich nicht mehr. Die Spiele der Bundesliga verfolge ich aber regelmäßig im Fernsehen, ich bin immer gut informiert.
Wie verbringen Sie heute ihre Freizeit?
Pfaff: Meine Familie mit meiner Frau Carmen, meinen drei Töchtern und sechs Enkelkindern ist für mich das Wichtigste, was es gibt.
Sie sind also vom Fußballprofi zum Familien-Mensch geworden?
Pfaff: So ist das nicht, Fußball stand für mich nie an erster Stelle. Es war immer nur mein Hobby, das ich zum Beruf machen konnte. Heute gebe ich Autogrammstunden und halte Lesungen. Zudem engagiere ich mich dafür, die Weltmeisterschaft 2018 nach Belgien und Holland zu holen – das wäre toll.
Können Sie sich vorstellen, bald eine Mannschaft zu trainieren?
Pfaff: Ich möchte gerne als Trainer arbeiten, am liebsten in Deutschland. Eine Mannschaft in der Bundesliga oder der Zweiten Liga zu übernehmen, wäre ein Traum für mich.
Wenn morgen ein Angebot aus Deutschland auf dem Tisch läge...
Pfaff: ...würde ich es mir auf jeden Fall anhören. Am besten wäre es, bei einem finanziell schwächeren Klub etwas aufzubauen. Mein Vorbild ist Ottmar Hitzfeld. Er hat aus Dortmund damals einen großen Klub gemacht. In Belgien werde ich definitiv kein Trainer.
Dort sind sie aber bereits ein TV-Star.
Pfaff: Das stimmt. Seit neun Jahren wird meine Familie in einer Doku-Soap von einem Fernseh-Team im täglichen Leben begleitet. Jedes Wochenende schalten zwei Millionen Zuschauer den Fernseher ein. Das freut mich natürlich sehr.
Sebastian Radermacher führte das Gespräch
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