Respekt vor dem Halbfinalgegner: Löw: "Die Türken sind unberechenbar"
zuletzt aktualisiert: 22.06.2008 - 15:50Ascona (RPO). Auf dem Papier ist Deutschland am Mittwoch (20.45 Uhr, LIVE!-Ticker) im Halbfinale gegen die Türkei klarer Favorit. Trotzdem zollt Bundestrainer Joachim Löw dem Überraschungsteam dieser EM großen Respekt: "Sie sind unberechenbar und dadurch auch gefährlich."
"Die Türken haben ihm bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist, egal wie der Spielstand ist. Türken haben eine bewundernswerte Mentalität, sind selbstbewusst und können immer zurückschlagen", urteilte Löw, selbst zweimal Vereinstrainer in der Türkei, über das Team seines exzentrischen Kollegen Fatih Terim.
Nichtsdestotrotz will Löw die mit vielen Tücken begonnene "Bergtour" auf dem Gipfel beenden: "Das Ziel ist der Titel. Bis dahin sind noch zwei Spiele zu bestreiten, und das nächste wird sehr, sehr schwer", sagte der Bundestrainer. Zugleich setzt er auf einen positiven Adrenalinausstoß bei seinem Team: "Halbfinalspiele haben eine ganz besondere Brisanz, weil es um den letzten Schritt zum Endspiel geht. Das gibt jedem Beteiligten einen unglaublichen Kick."
Bei Löw selbst war von diesem Kick äußerlich am Wochenende noch nichts zu spüren. "Er hat keine großartige Regung gezeigt, als unser Halbfinalgegner feststand", berichtete Bundestorwarttrainer Andreas Köpke über die Gefühlslage des Bundestrainers nach dem türkischen Sieg im Elfmeterschießen gegen Kroatien (3:1). Dass er ein besonderes Spiel für Löw ist, liegt aber auf der Hand.
Löw pflegt seit seiner Zeit als Cheftrainer bei Fenerbahce Istanbul (1. Juli 1998 bis 29. Mai 1999) und Adanaspor (20. Dezember 2000 bis 4. März 2001) eine besondere Verbindung zur Türkei. "Ich habe dort viele Freunde, mit denen ich regelmäßig Kontakt habe", erklärte der gebürtige Badener, der im Vorfeld der WM 2006 als Assistent von Jürgen Klinsmann mit der DFB-Auswahl in Istanbul weilte und dort begeistert gefeiert worden war.
Fener will Löw zurück
Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass ausgerechnet während der EM sein Ex-Klub Fenerbahce wieder die Fühler nach ihm ausgestreckt hat. Türkische Medien berichteten selbst am Wochenende noch, dass in die Villa des scheidenden Fener-Trainers Zico bereits Kisten mit persönlichen Gegenständen von Löw geschleppt würden. Über die Meldungen konnte Löw, der beim DFB noch bis 2010 unter Vertrag steht, aber nur schmunzeln.
Viel mehr bewegte ihn die Frage, wie und und mit welcher Taktik er die Türken schlagen kann. "Darüber werden wir uns noch unterhalten. Grundsätzlich wollen wir an unserem 4-4-2-System festhalten", meinte der Bundestrainer, der im Viertelfinale Portugal mit nur einem Angreifer und fünf Mittelfeldspielern überrascht und irritiert hatte.
Miroslav Klose, gegen die Südeuropäer einzige Sturmspitze und Torschütze, sprach sich auch für das Spiel gegen die Türken für diese Strategie aus. "Man hat gesehen, dass wir uns wohl fühlen in diesem System", erklärte der WM-Torschützenkönig, der aber zugleich betonte: "Viel wichtiger ist, dass wieder jeder für den anderen da ist. Da ist er egal, mit welchem System wir spielen."
Dies unterstrich am Sonntag auch Oliver Bierhoff: "Wichtig ist, dass wir die Türken nicht unterschätzen, auch wenn bei denen der ein oder andere Stammspieler fehlt." Respekt hat der Teammanager vor den Motiviationskünsten des türkischen Trainers Terim.
"Ein schwieriges Spiel"
"Ich kenne ihn aus meiner Mailänder Zeit, er kann eine Mannschaft auf den Punkt pushen." Ungeachtet dessen fordert Torwarttrainer Köpke, 1996 Mitglied der bislang letzten deutschen EM-Siegermannschaft: "Es ist an der Zeit, mal wieder Geschichte zu schreiben."
So weit dachten die Spieler noch nicht. Klose, der beim Gegner vor allem seinen Münchner Vereinskollegen Hamit Altintop hervorhob, warnte vor "einem schwierigen Spiel". Ähnlich bewertet auch Arne Friedrich die Aufgabe, die das deutsche Team aber erneut konzentriert angehen will.
"Wir sind jetzt wieder Favorit. Wir werden sehr hart arbeiten, uns durch nichts ablenken lassen und den Gegner nicht unterschätzen." Der Hertha-Kapitän hat beim Kontrahenten allerdings auch Schwächen ausgemacht: "Die haben hinten ein bisschen Probleme und konnten mich nicht so überzeugen."
Über Stärken und Schwächen der Türken werden die deutschen Spieler seit Sonntagnachmitag detailliert unterrichtet, nachdem Löw seinen Profis am Samstag und Sonntagvormittag eineinhalb erholsame Tage mit Tennis, Wasserball, Fahrradfahren, Yoga, Bootsfahrt, Hubschrauber-Rundflug und vor allem viel Freizeit gegönnt hatte.
"Wichtig war, dass die Spieler mal den Kopf freibekommen und für einige Zeit aus dem Hotel kommen, nicht das Trainingsgelände und keinen Fußball sehen. Sie freuen sich dann umso mehr, wenn es wieder los geht", sagte Bierhoff.
Der Bundestrainer selbst hatte gemeinsam mit DFB-Chefscout Urs Siegenthaler in Basel die Galavorstellung der Russen im Viertelfinale gegen die Niederlande verfolgt. Und damit den möglichen Endspielgegner.
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