Deutscher Bundestrainer: Löw – Meister des Aussitzens
VON FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 09.09.2010 - 10:07Düsseldorf (RP). Konsequent und kompromisslos verfolgt Bundestrainer Joachim Löw seine Ziele. Kritik trifft ihn nicht, wenn er von einer Entscheidung überzeugt ist. Auch beim Thema Michael Ballack kann er offenbar gut mit dem Schwebezustand leben.
Zu den bedeutenden Facetten von Joachim Löw als Bundestrainer gehört, dass er sich von der öffentlichen Meinung kaum beeinflussen lässt, wenn er von der Richtigkeit einer Entscheidung überzeugt ist. Er verfolgt seine Ziele mit außergewöhnlicher Beharrlichkeit. Man kann die Haltung getrost auch Sturheit nennen. Wie er auf dem Weg zur WM in Südafrika seine personellen und taktischen Vorstellungen verwirklichte und wie er die Mannschaft vor dem Turnier auch körperlich in eine Topverfassung brachte, war ein Meisterstück.
Genauso konsequent und kompromisslos handelt Löw, dessen Mannschaft in Köln beim 6:1 gegen Aserbaidschan wieder eine mitreißende Leistung zeigte, jenseits der ureigenen Aufgaben als Fußballlehrer. Als im Februar die Gespräche über eine Verlängerung seines Vertrages mit dem DFB auf die Zeit nach der WM vertagt wurden und das Verhältnis zum Fußball-Bund fast irreparabel schien, hielt er unbeirrt an den Vorgaben fest, die er sich selbst und seinem engen Mitarbeiterstab verordnete. Man dürfe sich nicht ablenken lassen, forderte er.
"Ich bin der Bundestrainer"
Die volle Konzentration sollte der WM-Vorbereitung gelten, bis zur Rückkehr nach Deutschland sah er keinen Raum für neue Gespräche. Er verbat sich nach dem Scheitern der Verhandlungen im Winter ein 48-Stunden-Ultimatum, das ihm der DFB gestellt haben soll. Mit vier Wörtern ließ er dessen Führung wissen, in welch starker Position er sich fühlte, wie selbstbewusst: "Ich bin der Bundestrainer."
Die überraschenden und überzeugenden Auftritte des Teams am Kap machten den 50-Jährigen, der die DFB-Auswahl als Assistent von Jürgen Klinsmann und dann als Bundestrainer zu zwei dritten WM-Plätzen und ins Finale der EM führte, zum großen Gewinner dieses Machtkampfs. Auf dem Weg zur Verlängerung des Kontrakts hielt er das Heft in der Hand. Der sonst so mächtige DFB wirkte wie ein Verband, der auf Gedeih und Verderb auf seinen obersten Übungsleiter angewiesen war. Wie ein Bittsteller.
So unbeirrbar-beharrlich wie nach außen arbeitet Löw auch intern mit der Mannschaft. Er hielt trotz aller Bedenken in der Öffentlichkeit an Miroslav Klose und Lukas Podolski fest, als der Münchner kaum noch Einsatzzeiten beim FC Bayern hatte und der Kölner eine nahezu unterirdische Bundesligasaison spielte. Er setzte, teilweise durch Verletzungen anderer Spieler dazu gezwungen, auf junge Akteure wie Thomas Müller, Mesut Özil und Holger Badstuber. Seine Spieler zahlten für das unerschütterliche Vertrauen mit starken Leistungen zurück und werden das auch künftig tun. Sie hängen ihm an den Lippen, setzen bereitwillig um, was der Chef vorgibt, und sind eine Schar pflegeleichter Profis – die jungen gleichermaßen wie die gestandenen um Klose.
Deshalb verwundert es keinen mehr, dass die Mannschaft in der EM-Qualifikation mit den Siegen in Belgien (1:0) und gegen Aserbaidschan (6:1) exakt dort anknüpfte, wo sie die WM beendet hatte. Mit der Einschränkung natürlich, dass die beiden Gegner nicht mit Kalibern wie England oder Argentinien zu vergleichen sind, die von der DFB-Auswahl in Südafrika nach allen Regeln der Kunst ausgespielt und niedergerungen wurden.
Taktikfuchs Löw
Nahezu alles macht Löw richtig, wie nun auch mit dem überraschenden Schachzug, Philipp Lahm ausnahmsweise doch noch einmal auf die linke Außenbahn zu beordern, um gegen den dichten aserbaidschanischen Abwehrverbund an den Seiten offensivstarke Außenverteidiger zu stellen (Riether/Lahm). Er machte deutlich, dass dieser Schachzug eine Ausnahme war. Löw, der Taktik-Tüftler.
Als Meister des Aussitzens scheint der Schwarzwälder nun auch beim Thema Ballack eine Entscheidung hinauszuzögern und auf Zeit zu spielen. Die Haltung hat ihm mittlerweile allerdings auch herbe Kritik eingebracht von Experten, die einen respektvollen Umgang mit dem langjährigen Kapitän verlangen. Löw ist womöglich bereit, notfalls so lange zu warten, bis sich die Dinge von allein klären, durch ein anhaltendes Formtief Ballacks etwa oder einen Rücktritt des Leverkuseners als Nationalspieler.
Der Trainer kann auch mit diesem Schwebezustand leben. Dies umso mehr, sollte er die Zukunft der Mannschaft tatsächlich ohne den bald 34-Jährigen planen, um das Team ganz nach seinen Vorstellungen weiterzuentwickeln.
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