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DFB-General Niersbach im Interview: "Mit Klinsmann kam der große Push"

VON FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 09.06.2008 - 16:17

Klagenfurt (RP). DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach spricht im Interview mit unserer Redaktion über 35 Jahre mit der Nationalmannschaft, den Klinsmann-Effekt, den aktuellen Trainer und die Arbeit hinter den Kulissen des Verbands.

Seit 35 Jahren haben Sie die Nationalmannschaft in unterschiedlichen Funktionen begleitet. Wie hat sich die Szene in dieser Zeit verändert?

Niersbach Die größten Veränderungen gab es im Umfeld der Mannschaft. Bei den Medien, beim Thema Sicherheit, bei den Stadien einschließlich Catering. Wenn du Glück hattest, bekamst du früher in den Stadien gerade mal eine Tasse Kaffee.

Der Medienauflauf war längst nicht so stark wie heute.

Niersbach In der Regel fing die Pressekonferenz um 12 Uhr an. Ab 10 wurden Kameras und Lampen aufgestellt. Da saßen Lothar Matthäus oder Andy Brehme als Letzte noch beim Frühstück und wurden aus dem Raum vertrieben. Sie sagten: Können wir vielleicht noch den Kaffee austrinken?

Journalisten und Spieler
wohnten noch im selben Quartier.

Niersbach Die Journalisten hatten Angst, das Hotel zu verlassen, es konnte ja etwas passieren. Und die Spieler hatten Angst, in die Bar zu gehen, weil sie nicht ungezwungen ein Bier trinken konnten.

Heute wird das Team abgeschottet.

Niersbach Das Quartier ist eine Oase totaler Ruhe.

Passierte früher etwas, was es heute so nicht geben würde?

Niersbach Bei der WM 1990 wurde Dr. Müller-Wohlfahrt heimlich nach Italien geflogen. Er war für Jürgen Kohler der Arzt des Vertrauens, und im Haus von Lothar Matthäus, der damals für Inter Mailand spielte, wurden Behandlungen durchgeführt.

Wann wurde rund um die Mannschaft alles professioneller?

Niersbach Franz Beckenbauer hat als Teamchef die Professionalisierung des Umfelds eingeleitet, zum Beispiel mit vier Physiotherapeuten. Der zweite große Push kam mit Jürgen Klinsmann ab 2004. Mit Fitnesscoach und Mentalcoach.

Gab es unter den Spielern früher mehr so genannte „Typen“?

Niersbach Das denke ich schon, weil die Spieler nicht ständig von den Medien beobachtet wurden. Zumindest die Generation, die 1974 Weltmeister wurde, hatte noch weit größere Freiheiten. Wenn heute ein Reservespieler des FC Bayern in die Münchner Disco geht, steht das am nächsten Tag in der Zeitung. Da werden Spieler vorsichtiger.

Wie leben die Spieler im Trainingslager Ascona?

Niersbach Da gibt es zum Beispiel einen großen Tisch, an dem alle 23 sitzen. So wird dokumentiert: Wir sind ein Team. Früher saß man grüppchenweise an verschiedenen Tischen.

Wurde früher mehr gelacht?

Niersbach Gelacht wird auch heute. Aber Pierre Littbarski hatte immer etwas drauf. 1990 lieh er sich vom ZDF eine Kamera, setzte eine Schirmmütze auf und ging als Reporter auf Journalisten los. Dem Sepp Maier nahmen wir den Schnupftabak aus der Dose und schmuggelten stattdessen Pfeffer rein. Unserem Physiotherapeuten Adi Katzenmeier setzten wir mal heimlich einen Hasen in den Massagekoffer. Als er dann auf den Platz stürmte, weil Andy Brehme sich einfach fallen ließ und ,Adi, Adi’ schrie, entdeckte er plötzlich im Koffer verschreckt den Hasen.

Sind die Spieler heute mächtiger?

Niersbach Die Position der Spieler ist heute viel, viel stärker. Ich möchte nicht bei einem Verein in der Verantwortung stehen. Du bist mit Leib und Seele dabei und hast dann Spieler, die Klubs teilweise nur als Durchgangsstation betrachten. Bei der Nationalmannschaft hat sich allerdings nichts geändert. Zu ihr kommen sie nach wie vor unglaublich gern.

Wie schätzen Sie Trainer Löw ein?

Niersbach Er ist ein super Mann. Bei ihm erkenne ich auch jedes Mal, was er vorher angekündigt hat. Er sagt, wir wollen offensiv nach vorn spielen, und dann sieht man das auch. Joachim Löw hat Autorität, ohne autoritär aufzutreten.

Welche Freunde haben Sie durch den Fußball gewonnen?

Niersbach Franz Beckenbauer und Günter Netzer zählen zu meinen besten Freunden. Zu Rudi Völler besteht eine ehrliche Freundschaft, mit Jürgen Klinsmann im Prinzip auch. Und Andreas Köpke. Er war einer der wenigen Torhüter, die keine Macke haben. Oder anders ausgedrückt: Seine Macke ist, dass er keine hat.

Quelle: RP

 
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