Russlands Coach überrascht erneut: Alle zittern vor "Hexer" Hiddink
VON ROLAND LEROI - zuletzt aktualisiert: 19.06.2008 - 07:19Innsbruck (RPO). Guus Hiddink ist ein zurückhaltender Typ, der seine Erfolge am liebsten im Stillen genießt. Die vielfachen Glückwünsche zum EM-Viertelfinaleinzug seiner russischen Fußballer nahm der Erfolgstrainer zwar gerne entgegen, von weiteren Triumphen will er aber noch nicht offen träumen. "Jetzt wird es für uns sehr schwer", sagte der Niederländer.
Nur wer genau hinschaute, konnte das versteckte Schmunzeln auf den Lippen des 61-Jährigen erkennen. Denn man darf davon ausgehen, dass er mit dem Außenseiter Russland im Viertelfinale auch seinen Landsleuten, den Niederländern, am nächsten Samstag (20.45 Uhr/LIVE-Ticker) viel Kopfzerbrechen bereiten wird.
Als überaus sensationell gilt bereits der Einzug der Russen in die Runde der letzten Acht. Wer den "Hexer" Hiddink aber kennt, weiß, dass dies alles andere als Zufall ist. Alles, was Hiddink in den vergangenen Jahren anpackte, verlief erfolgreich. Außenseiter führte der Niederländer gerade zum Fließband zu Triumphen.
Die Erfolgsliste Hiddinks ist lang. Bei großen Tunieren hat er im Viertelfinale einen Stammplatz. Nach Stationen als Vereinscoach bei PSV Eindhoven (1988 Gewinn der Champions League), Fenerbahce Istanbul und Valencia übernahm er 1995 die niederländische Nationalelf und führte sie bei der EM 1996 erst ins Viertelfinale, ehe zwei Jahre später bei der WM 1998 im Halbfinale Endstation war. Schon damals galt er als Taktik-Fuchs, der offensiven Tempofußball bevorzugte. Das Aus gab es erst jeweils im Elfmeterschießen.
Für echte Furore sorgte Hiddink schließlich bei der WM 2002, als er mit Gastgeber Südkorea den krassen Außenseiter bis ins Halbfinale führte. In der Vorschlussrunde scheiterten die Asiaten erst an Deutschlands durch Ballacks späten Siegtreffer.
Taktisch perfekter Fußball
Der Globetrotter zog weiter - und verbuchte bei der WM 2006 den nächsten Überraschungserfolg. Mit Australien schaffte er den Einzug ins Achtelfinale. Dort schied das Team unglücklich gegen Italien aus. Der spätere Weltmeister schoss erst in der 95. Minute das Siegtor.
Anschließend heuerte Hiddink in Russland an und versetzte die gesamte Nation in eine ungeheure Aufbruchstimmung. In der Qualifikation schmiss das Team zunächst England raus - und bei der EM überzeugen die Russen nun durch taktisch perfekten Fußball. Dabei wurde die Mannschaft nach der happigen 1:4-Auftaktniederlage gegen Spanien schon schnell abgeschrieben. Doch mit Erfolgen über Griechenland (1:0) und Schweden (2:0) wurde der Einzug ins Viertelfinale geschafft.
Es ist auffällig, wie Hiddink den "schlafenden Riesen" aufgeweckt hat. Gute Fußballer hatte das Land schon zu Sowjet-Zeiten, doch allzu selten glaubte man an die eigenen Stärken. Zu lethargisch traten die Russen in den vergangenen Jahren bei großen Turnieren auf.
Hiddink schaffte die Wende
Hiddink schaffte die Wende. Mit der jüngsten aller Mannschaften reiste er zur EM und gab an, dass seine Spieler zunächst mal etwas lernen wollen. Das wirkliche Ziel sei die WM 2010 in Südafrika. "Wenn wir bei der EM aber etwas erreichen, nehmen wir das gerne mit", sagte Hiddink, dessen Fußballer mit guten Vorstellungen überzeugen. Schnell werden die freien Räume in der Offensive gesucht und die Sturmspitzen gezielt eingesetzt. Die Defensive besticht derweil mit einer ausgezeichneten Ordnung, die sich im Turnierverlauf immer besser einspielt.
Jetzt zittern alle vor dem "Hexer" Hiddink, denn mit dem russischen Team hat er sich heimlich, still und leise zum Geheimtipp gemausert. "Gegen Holland wollen wir gerne gewinnen, aber das wird sehr schwer", meint Hiddink, der den Viertelfinalgegner natürlich aus dem Eff-Eff kennt.
Extra-Bonus von 500.000 Euro
Für den Coach hat sich der Viertelfinaleinzug auch finanziell ausgezahlt. Er hat sich einen Extra-Bonus von 500.000 Euro verdient. Zugleich wurde dem 61-Jährigen, der sich mit Verbandspräsident Mutko bereits über eine weitere Zusammenarbeit bis 2010 geeinigt, aber noch keinen endgültigen Vertrag unterschrieben hat, eine Zusatzprämie von einer Million Euro in Aussicht gestellt, wenn er die russische Auswahl zur WM 2010 in Südafrika führt.
Für die EM-Qualifikation hatte Hiddink zusätzlich zu seinen geschätzten zwei Millionen Euro Jahresgehalt einen Bonus in Höhe von 800.000 Euro erhalten. Hiddinks Salär wird nicht direkt vom russischen Fußball-Verband, sondern von der nationalen Fußball-Akademie bezahlt, die neben einigen Sponsoren zum Großteil von Milliardär und FC-Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch finanziert wird.
Weil Geld zwar eine Menge, aber nicht alles ist, peilt Hiddink nun auch seinen ersten Titel als Auswahltrainer an. Nicht nur die Niederländer zittern vor dem "Hexer", sondern demnächst auch Deutschland. Bei der EM könnte die DFB-Auswahl erst im Finale auf Russland treffen, doch in der WM-Qualifikation gibt es auf jeden Fall ein Wiedersehen. Das werden heitere Partien, zumal Hiddinks Kicker nun erst recht an ihre Stärken glauben und mit dem Viertelfinaleinzug viel Selbstvertrauen getankt haben.
Ein jähes Ende ist vorerst nicht absehbar und vielleicht darf Guus Hiddink noch etwas länger ein stiller Genießer sein.
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