Personal-Luxus für spanischen Trainer: Luis und die Fantastischen Vier
VON BERND JOLITZ - zuletzt aktualisiert: 28.06.2008 - 09:23Wien (RPO). Spaniens Nationaltrainer Aragonés hat im Mittelfeld gleich ein Quartett an Topkräften zur Verfügung. Andrés Iniesta, Xavi Hernández, David Silva und Cesc Fabregas sind die Strippenzieher der iberischen Offensivabteilung. Abgesichert werden sie von Vorarbeiter Marcos Senna.
Es passiert nicht oft im Fußball, dass eine Mannschaft stärker wird, wenn sie ihren besten Torschützen verliert. 33 Minuten waren im zweiten EM-Halbfinale gespielt, als David Villa sich eine Zerrung zuzog - mit vier Treffern der Führende der EM-Torjägerliste. Bis dahin war Spanien schon gut, doch nach der Hereinnahme von Cesc Fabregas für Villa wurde es noch besser.
„Als die Spanier vorn noch mit Fernando Torres und Villa spielten, haben wir sie ganz gut kontrollieren können“, erklärt Guus Hiddink, der Trainer der am Ende mit 0:3 unterlegenen Russen. „Mit Fabregas und dann vier offensiven Mittelfeldspielern wurden sie noch beweglicher. Sie wechselten dauernd ihre Positionen, mit unglaublichem Tempo.“
Genau im richtigen Moment kehrte Luis Aragonés zum Erfolgssystem der EM-Qualifikation zurück. Der alte Trainerfuchs hatte zwar in Daniel Güiza noch einen erstklassigen Stürmer auf der Bank, der später mit dem Treffer zum 2:0 seine Qualitäten noch hinreichend unter Beweis stellte.
Aragonés hatte aber erkannt, dass gegen diese Russen die 4-1-4-1-Variante, die Wiedervereinigung der „Fantastischen Vier“ Andrés Iniesta, Xavi Hernández, David Silva und Fabregas, der Schlüssel zum Erfolg war.
Es ist die noch offensivere Form des 4-2-3-1, das die EM dominierte und das auch Bundestrainer Joachim Löw für sich entdeckte - und diese Form ist nur zu spielen, wenn man einen derart souveränen „Sechser“ wie Marcos Senna hat, der den vier Zauberern den Rücken freihält.
Iniesta, der zu Recht als „Spieler des Tages“ ausgezeichnet wurde, ist sich dessen vollauf bewusst. „Es ist nicht nur ein Mann, der solche Spiele entscheidet“, betont der 24-Jährige vom FC Barcelona. „Es ist die Arbeit unserer gesamten Mannschaft.“
Das unterstreicht auch Aragonés, der dieses Team gegen manche Widerstände in der Heimat geformt hat. „Nehmen wir David Silva“, sagt der Coach. „Man sagt immer, Menschen von den Kanarischen Inseln seien etwas langsamer als die anderen. Silva ist aus Gran Canaria. Nun zeigen Sie mir mal, wo dieser Junge langsam ist.“
Luis Aragonés, der sich sonst gern bärbeißig und unnahbar gibt, taut regelrecht auf, wenn er über seine Jungs spricht. „Güiza, Silva, Torres, das sind alles Leute, die sich einer Bewachung entziehen können“, sagt der 69-Jährige. „Sie haben ein beeindruckendes Match gezeigt.
Fabregas ist ein großartiger junger Spieler, aber wir haben auch andere Klasseleute. Sergio Ramos etwa hat so viel Druck nach vorn gemacht, dass die russischen Abwehrspieler auf der linken Seite gar nicht wussten, um wen sie sich zuerst kümmern sollten, Iniesta oder Ramos.“
Großes Selbstbewusstsein ist aus den Worten des Trainers herauszuhören, jedoch keine Arroganz. „Unsere Mannschaft hat es verdient, ins Finale gekommen zu sein“, formuliert er wohl überlegt. „Mal sehen, ob sie es auch verdient, das Finale zu gewinnen.“
Der Respekt vor Deutschland ist da, aber keine Ehrfurcht: „Ich weiß nicht, ob Deutschland uns erlauben wird, unseren schnellen Fußball mit nur einer Ballberührung pro Station zu spielen. Es wird aber auch für die Deutschen nicht leicht, uns daran zu hindern.“
Für einen Moment gestattet sich der alte Haudegen sogar ein wenig Rührung. „Ich fühle mich sehr glücklich“, sagt Aragonés, „für mich, unsere Fans, meine Spieler, meine Familie. Ich bin nicht so extrovertiert, zeige meine Gefühle nicht so. Aber als ich sah, dass mein Enkel heute auch hier war, da habe ich vor Freude geweint.“
Und wenn der beinharte Coach schon einmal menschliche Schwächen zeigt, dann kann er auch noch einen nachlegen. „Cesc Fabregas ist 21, andere im Team sind 22, 23, haben aber schon qualitativ hohe Erfahrungen wie ein 28-Jähriger. Das mag ich, daran habe ich Spaß.“
Aber mag Aragonés es auch so sehr, dass er vielleicht doch noch Nationaltrainer bleibt? Schließlich hat Fenerbahce bereits seine Verpflichtung gemeldet. „So etwas kommentiere ich nicht“, knurrt er. „Fragen Sie mich bis zum Finale bitte nicht mehr, was ich in Zukunft machen werde.“ Da ist er endlich wieder, der alte Bärbeiß.
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