Russischer Halbfinaleinzug: Wie Holland, nur besser
VON TIM RÖHN - zuletzt aktualisiert: 21.06.2008 - 23:56Basel (RPO). Um es vorweg zu sagen: Vor dem Spiel hatte kein kollektiver Trikottausch stattgefunden. Die Holländer liefen tatsächlich in ihren orangen Leibchen auf, die Russen in einem strahlenden Weiß. Und doch waren es die Mannen um Andrej Arschawin, die auf dem Rasen des Baseler Stadions den perfekten Tempofußball zelebrierten, mit dem "Oranje" in die K.o.-Runde gestürmt war.
Und so stand nach 120 intensiven Minuten inklusive Verlängerung ein hochverdienter 3:1-Sieg für den Außenseiter zu Buche, der schon in der regulären Spielzeit unter Dach und Fach gebracht hätte werden müssen.
Vom Anpfiff an hatte die Mannschaft des niederländischen(!) Trainers Guus Hiddink das Heft in die Hand genommen und spielte sich beinahe im Minutentakt mit blitzschnellen Kombinationen vor das holländische Tor.
Es schien so, als wüsste die Mannschaft von Trainer Marco van Basten zeitweise gar nicht wie ihr geschieht. Der Offensivdruck der Russen war so enorm, jeder Fehler im Mittelfeld wurde eiskalt ausgenutzt und führte zu brenzligen Situationen.
Den kompletten Spielbericht mit allen Toren des Spiels Holland gegen Russland lesen Sie hier.
Woran es der russischen Auswahl aber wieder einmal mangelte, war eine zufriedenstellende Chancenauswertung. Immer wieder schossen die Angreifer das Leder aus aussichtsreicher Position am Tor vorbei, selbst im Fünfmeter-Raum spielten die Russen noch ein weiteres Pässchen, setzten zu einem weiteren Dribbling an - bis sie den Ball wieder verloren.
Hätte Roman Pawljutschenko, der baumlange Angreifer in Diensten von Spartak Moskau, nach 56 Minuten nicht das Leder ins Tor bugsiert und damit für die Erlösung gesorgt, die Russen wären in Schönheit gestorben.
Denn nach all den kläglich vergebenen Möglichkeiten der Russen klingelte es auf der anderen Seite. Ruud van Nistelrooy, bis dahin völlig abgemeldet, köpfte das Leder vier Minuten vor dem Schlusspfiff aus vier Metern zum 1:1 ins Tor - der unverdiente Ausgleich, waren die Holländer über die gesamte Spielzeit doch planlos gegen das russische Abwehrbollwerk angerannt.
Wo war die holländische Kreativität?
Die Kreativität, die sie in den ersten beiden Gruppenspielen versprüht hatten, war ihnen völlig abhanden gekommen, auch vom gefürchteten Tempofußball war so gut wie nichts zu sehen. Vielleicht war das auch der zahlreichen Umstellungen van Bastens vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Rumänien (2:0) geschuldet.
Der Bondscoach hatte bis auf zwei Ausnahmen die zweite Garde ins Spiel geschickt, sie machte ihren Job zwar gut, aber in den Spielfluss ist ein Bruch gekommen. Zu keiner Phase des Viertelfinals konnten die Niederländer an die Leistungen in der Gruppenphase anknüpfen. Auch Kroatien und Portugal sind nach derlei Umstellungen im Viertelfinale gescheitert.
Stattdessen waren es die Russen, die ganz und gar holländisch spielten - nicht zuletzt in der Verlängerung, als die Holländer ihre Energie schon verbraucht hatten. Die Russen, scheinbar mit Pferdelungen ausgestattet, gingen hier weiter ein ungeheures Tempo, das der Gegner überhaupt nicht mehr mitgehen konnte.
Oranje verbarrikadierte sich am eigenen Strafraum und vertrautete weiter auf die Abschlussschwäche der Russen, die plötzlich eiskalt zwei Tore zur Entscheidung schossen.
Damit bleiben für Holland wieder einmal nur lobende Worte, Zählbares steht auch unter van Bastens Regie nicht zu Buche. Der Traum von der Wiederholung des EM-Triumphs 1988 in Deutschland ist auch in diesem Jahr geplatzt. Schon bei der WM 2006 hatte Oranje in den Gruppenspielen auf der ganzen Linie überzeugt, beim ersten echten Härtetest im Achtelfinale gegen Portugal folgte der K.o.
Der gemeine, begeisterungswillige Fußball-Fan aber muss trotz des Ausscheidens von van Nistelrooy, Sneijder & Co. nicht verzagen. Holland ist doch noch dabei! In weißen statt in orangen Trikots und noch ein bisschen besser.
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