Niederlande - Italien 3:0: Holland entzaubert den Weltmeister
VON BERND JOLITZ - zuletzt aktualisiert: 09.06.2008 - 22:28Bern (RP). Die Tore der Real-Stars Ruud van Nistelrooy und Wesley Sneijder sowie von Giovanni van Bronckhorst brachten den Niederlanden einen 3:0-Sieg gegen Italien. In der „Todesgruppe” C stehen die Azzurri nun unter Zugzwang.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem „Wunder von Bern” erlebte das Wankdorfstadion in der Schweizer Hauptstadt wieder ein Spiel einer großen internationalen Finalrunde. Und wie dereinst 1954 nahm die Partie in diesem Bauwerk, das nach einem fast kompletten Neubau nunmehr den Namen Stade de Suisse Wankdorf trägt, einen überraschenden Verlauf.
Zwar waren die Niederlande zum Auftakt der EM-Vorrundengruppe C nicht im gleichen Maße Außenseiter wie damals die Deutschen gegen Ungarn dass sie Weltmeister Italien aber beim 3:0 gestern Abend so klar beherrschen würden, hatte kaum jemand auf der Rechnung.
Lebendig von Anfang an
Spiel zwei der so genannten „Todesgruppe” präsentierte sich vom Anpfiff weg ausgesprochen lebendig. Gleich drei Spieler des Bundesligisten Hamburger SV hatte Bondscoach Marco van Basten aufgeboten, dazu in Khalid Boulahrouz noch einen ehemaligen Profi der Hanseaten.
Und was Rafael van der Vaart, Nigel de Jong, Joris Mathijsen und ihre Kollegen da auf den Rasen zauberten, war aller Ehren wert. Früh zahlte sich aus, dass van Basten einfach mutiger aufgestellt hatte als sein Gegenüber und alter Weggefährte aus aktiven Mailänder Zeiten, Roberto Donadoni.
Das Trio hinter der einzigen echten Spitze Ruud van Nistelrooy Dirk Kuyt, Wesley Sneijder und van der Vaart setzte die Italiener gehörig unter Druck, zwang sie zu Fehlern. Auf der anderen Seite war Bayern-Star Luca Toni viel zu sehr auf sich allein gestellt, obwohl Donadoni eine 4-3-3-Formation angegeben hatte. Mauro Camoranesi und Antonio Di Natale, die nominellen Flügelstürmer, agierten de facto tief im Mittelfeld.
Folgerichtig gelang dem Oranje-Team auch der Führungstreffer, bei dem das schwedische Unparteiischen-Gespann sein Meisterstück machte. Zwar schien Torschütze van Nistelrooy meterweit im Abseits zu stehen, aber hinter der Torauslinie lag noch der von seinem eigenen Torhüter Gianluigi Buffon niedergestreckte Christian Panucci.
„Und ein Abwehrspieler kann sich einer Abseitsposition nicht dadurch entziehen, dass er das Spielfeld verlässt”, erklärte DFB-Schiedsrichterlehrwart Eugen Striegl auf Nachfrage unserer Zeitung. Note eins also für Referee Peter Fröjdfeldt und seinen Assistenten Stefan Wittberg, die die Regel trotz der lautstarken Proteste der Azzurri und ihrer Fans völlig korrekt anwendeten.
Als Geburtstagskind Wesley Sneijder, der gestern 24 wurde, kurz darauf das 2:0 folgen ließ, waren die Italiener endgültig geschockt. Gleich zwei Treffer von Stars des spanischen Meisters Real Madrid das dürfte besonders dem beim Erzrivalen Barcelona aktiven Gianluca Zambrotta weh getan haben.
Enormes Feuerwerk
Die zweite Spielhälfte konnte zwar nicht mehr an das enorme Feuerwerk der ersten 45 Minuten anschließen. Unterm Strich blieb es aber die bislang attraktivste Partie der EM-Endrunde. Die Niederländer stellten nun unter Beweis, dass sie einen Vorsprung auch verwalten können eine Qualität, die die traditionell angriffsbetonte „Elftal” nicht immer besaß.
Natürlich machte der Weltmeister nun Druck, brachte in Fabio Grosso und Alessandro Del Piero zwei weitere Akteure, die vor zwei Jahren am Titelgewinn bei der WM in Deutschland beteiligt waren. Wirklich ernsthaft in Bedrängnis aber kam das Tor von Kapitän Edwin van der Sar nur bei zwei Toni-Chancen, während Giovanni van Bronckhorst sogar das 3:0 nachlegte.
Die Niederlande haben sich mit ihrer Version des „Wunders von Bern” als Titelkandidat ins Spiel gebracht. Italien dagegen muss aufpassen, dass der Traum vom „Double” nicht sehr frühzeitig endet.
Statistik
Niederlande: van der Sar/Manchester United (37 Jahre/126 Länderspiele) - Boulahrouz/FC Sevilla (26/23) ab 77. Heitinga/Ajax Amsterdam (24/37), Ooijer/Blackburn Rovers (33/38), Mathijsen/Hamburger SV (28/33), van Bronckhorst/Feyenoord Rotterdam (33/79) - de Jong/Hamburger SV (23/24), Engelaar/Twente Enschede (28/7) - Kuyt/FC Liverpool (27/38) ab 81. Afellay/PSV Eindhoven (22/6), van der Vaart/Hamburger SV (25/56), Sneijder/Real Madrid (24/46) - van Nistelrooy/Real Madrid (31/62) ab 70. van Persie/FC Arsenal (24/25). - Trainer: van Basten
Italien: Buffon/Juventus Turin (30/83), Panucci/AS Rom (35/76), Barzagli/US Palermo (27/23), Materazzi/Inter Mailand (34/41) ab 54. Grosso/Olympique Lyon (30/32), Zambrotta/FC Barcelona (31/72) - Ambrosini/AC Mailand (31/32), Pirlo/AC Mailand (29/47), Gattuso/AC Mailand (30/59) - Camoranesi/Juventus Turin (31/36) ab 75. Cassano/Sampdoria Genua (25/12), Toni/Bayern München (31/35), Di Natale/Udinese Calcio (30/19) ab 64. Del Piero/Juventus Turin (33/87). - Trainer: Donadoni
Schiedsrichter: Peter Fröjdfeldt (Schweden)
Tore: 1:0 van Nistelrooy (26.), 2:0 Sneijder (31.), 3:0 van Bronckhorst (79.)
Zuschauer in Bern: 30.777 (ausverkauft)
Beste Spieler: Sneijder, van Bronckhorst, Engelaar - Pirlo
Rote Karten: keine
Gelb-Rote Karten: keine
Gelbe Karten: de Jong - Toni, Zambrotta, Gattuso
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