EM-Kolumne: Die deutschen Qualitäten
VON CHRISTIAN ZIEGE - zuletzt aktualisiert: 29.06.2008 - 12:23Düsseldorf (RP). Auch wenn die DFB-Elf keine positive Leistung bietet, steht am Ende oft ein optimales Ergebnis. Darum haben andere Nationen so großen Respekt.
Über unser Halbfinale kann man eigentlich nur eine Überschrift setzen: Das Wichtigste war, dass wir ins Finale gekommen sind. Wir haben sicher nicht so gespielt, wie wir uns alle das gewünscht haben. Die Mannschaft ist nicht richtig ins Spiel gekommen und hat schon am Anfang viel Glück gehabt. Die Türken waren beweglicher, besser am Ball, genauer im Pass-Spiel. Eigentlich in allen Belangen. Aber am Ende haben wir gewonnen.
Wenn dahinter eine Fußball-Philosophie steckt, dann wär’s richtig gut. Die Holländer hätten sicher gern die Bilanz von deutschen Mannschaften. Genau deshalb haben die anderen Nationen so einen großen Respekt vor uns. Sie wissen, dass deutsche Mannschaften auch bei einer nicht so positiven Leistung meistens das optimale Ergebnis zustande bringen. Davon sind die deutschen Spieler in der Regel selbst überzeugt, und darum klappt es so oft.
Dabei hat es gegen die Türken lange gar nicht gut ausgesehen. Uns fehlte im Aufbau die Pass-Genauigkeit, unsere Spieler sind viel zu lange mit dem Ball gelaufen. Unserem Spiel mangelte es an Bewegung. Dadurch hat die Mannschaft keinen Rhythmus gefunden, wir sind nicht in das einfache Spiel gekommen, das die Mannschaft gegen Portugal gezeigt hat.
Die Türken haben mit ihrem 4-1-4-1-System die Räume blockiert und so Michael Ballack die Wirkung genommen. Vielleicht hat auch die Favoritenrolle die Beine der Deutschen ein bisschen schwerer gemacht.
Die Türken wirkten leichter. Es kann sein, dass die unterschiedlichen Erwartungshaltungen dabei eine Rolle spielen. Von unserer Mannschaft erwartet die Öffentlichkeit immer das beste Ergebnis, also mindestens den Einzug ins Finale. Nur in Ausnahmefällen wird mal ein dritter Platz verziehen, wenn er nach so einem begeisternden Fußball wie bei der WM 2006 erreicht wird.
Die Türkei hat noch nie in einem Finale gestanden. Für die Spieler war das Halbfinale schon ein großer Erfolg. Und dann war das Team stark ersatzgeschwächt. Aus dieser Lage haben die Türken das Beste gemacht, sie hatten nichts zu verlieren. Und sie hätten beinahe viel gewonnen.
Im Finale könnte die Erfahrung unserer Spieler ein Vorteil sein. Außerdem wird die Mannschaft ähnlich wie gegen Portugal nicht als Favorit ins Spiel gehen. Das wird leichter als gegen die Türken.
Unser Autor (36) spielte für Bayern München, Borussia Mönchengladbach, AC Mailand, Tottenham Hotspur, FC Liverpool und FC Middlesbrough. Heute ist er Sportdirektor des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach.
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