Löw entscheidet heute: Alles spricht für Lahm als Kapitän
VON FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 28.05.2010 - 07:43Düsseldorf (RP). Bundestrainer Joachim Löw hat das Verwirrspiel um den neuen Mannschaftsführer und die neue Nummer eins um einen Tag verlängert. Der Bundestrainer wird die Entscheidungen erst heute bekannt geben. Favoriten sind nach wie vor Philipp Lahm und Manuel Neuer.
Franz Beckenbauer, Deutschlands auskunftsfreudige und scheinbar allgegenwärtige Fußballinstitution, kommentierte den WM-Ausfall des verletzten DFB-Kapitäns Michael Ballack in der ihm eigenen Art. "Wir brauchen jetzt elf Kapitäne auf dem Platz", sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern. Zur Basisdemokratie wird es natürlich nicht kommen bei der Nationalmannschaft. Die Worte des "Kaisers" sind wohl auch eher so zu verstehen, dass auf dem Feld noch mehr Spieler als bisher und noch intensiver Verantwortung tragen müssen. Auch jetzt wird es natürlich nur einen Kapitän geben.
Doch darüber, wie der heißt, hat Joachim Löw das Verwirrspiel noch um einen Tag verlängert. Am Donnerstag waren die Entscheidungen in der K-Frage und in der T-Frage erwartet worden, über den neuen Kapitän und die neue Nummer eins nach der Absage des ebenfalls verletzten Leverkusener Torhüters René Adler. In beiden Fällen sei "bis zur Sekunde noch mit keinem Spieler gesprochen worden", ließ der Bundestrainer am Mittag lediglich mitteilen. Erst heute wird er die Geheimnisse lüften. Einen Tag vor dem Freundschaftsspiel gegen Ungarn in Budapest (20 Uhr/Live-Ticker).
Favoriten sind Philipp Lahm als Chef des Teams und der Schalker Manuel Neuer als der Mann zwischen den Pfosten. Damit würde Löw einen Kapitän bestimmen, der anders als in der Tradition des DFB nicht die meisten Länderspiele bestritten hat. Mit 64 Einsätzen liegt der Münchner in dieser Liste nur auf Rang fünf hinter seinen Klubkollegen Miroslav Klose (94) und Bastian Schweinsteiger (73), Lukas Podolski (Köln/71) und Arne Friedrich (Berlin/70). Ist bei den Schlussleuten die Wahl auf Neuer gefallen, hätten für den 24 Jahre alten Gelsenkirchener die Jugend und die größere Perspektive den Ausschlag gegeben. Nicht die Erfahrung des zwölf Jahre älteren Bayern-Keepers Hans-Jörg Butt.
Obwohl dieser erst durch die Rippenverletzung Adlers in den erweiterten WM-Kader berufen worden war, soll er bei den Beratungen des Trainerstabs vorübergehend sogar Favorit gewesen sein – gerade weil er schon sehr viele Jahre mehr als Profi tätig ist und seine Arbeit deshalb auch mit großer Routine bewältigt.
Ein Aufstieg des Münchners von null auf eins wäre trotz seiner Erfolge mit dem FC Bayern in dieser Saison (Meister, Pokalsieger) womöglich aber schwer vermittelbar. Butt spielte eben bis zu Adlers Missgeschick keine Rolle in den WM-Planungen. Allenfalls eben nur für den Notfall.
Lahm ist ein Vorzeigeprofi
Welche Aufgaben hat ein Spielführer? Natürlich ist er erster Ansprechpartner des Schiedsrichters, vor allem aber der viel zitierte verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld. Der Mann, der während des Spiels mehr als jeder andere Akteur für Organisation, Disziplin und taktische Durchsetzung verantwortlich zeichnet und Kollegen deutlich erkennbar Signale setzt. Den Statuten des DFB zufolge ist der Kapitän außerdem für "das Benehmen seiner Mannschaft verantwortlich".
Damit also auch für das Bild des Teams in der Öffentlichkeit. Lahm ist in dieser Hinsicht ein Vorzeigeprofi. Gleiches gilt zwar auch für Klose und Schweinsteiger, die ebenfalls als Kandidaten auf das Amt genannt worden sind, aber der kleine, stets freundlich-verbindliche Außenverteidiger hat als "Typ braver Schwiegersohn" wohl besonders hohe Sympathiewerte.
Thomas Müller, einer der Teamgefährten Lahms bei den Bayern, sieht die Rolle des Kapitäns auf mehrere Schultern verteilt. "Es geht nicht darum, wer die Binde trägt", sagt der 20 Jahre alte Offenivspieler, der bislang erst ein Länderspiel absolviert hat (im März gegen Argentinien). "Nach dem Ausfall von Ballack müssen mehrere Spieler vorangehen, zum Beispiel Klose, Schweinsteiger und Lahm. Da steht jetzt keiner auf und sagt, nur weil er die Binde hat: Ich bin der Chef, und so und so läuft das jetzt ab."
Den starken Boss wird tatsächlich keiner aus diesem Trio herauskehren. Da sind alle drei andere Charaktere.
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