Deutschland bangt vor WM um den Kapitän: Ballacks Berater geht auf Boateng los
zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 - 13:16London (RPO). Franz Beckenbauer warf ihm bereits vor 15 Monaten eine "unsportliche Schweinerei" vor, Matthias Sammer bemängelte im Oktober 2009 "Undiszipliniertheiten", und die Berliner Staatsanwaltschaft erließ zu Jahresbeginn Strafbefehl wegen Sachbeschädigung - doch erst am Samstagnachmittag wurde Kevin Boateng endgültig zum "Buhmann" der Fußball-Nation.
Der Tritt des gebürtigen Berliners gegen Nationalmannschafts-Kapitän Michael Ballack im Finale des englischen FA-Cups zementierte das Rüpel-Image Boatengs.
Untersuchung erst am Montag
"Ich habe mir die Szene nochmal angeschaut. Das sah schon nach Absicht aus", sagte Ballack, der nach dem Foul des früheren Bundesligaprofis von Hertha BSC Berlin und Borussia Dortmund in der 44. Minute mit einer Verletzung am rechten Knöchel ausgewechselt werden musste, dem ZDF. Exakt 29 Tage vor dem deutschen WM-Auftaktspiel gegen Australien humpelte der Star des englischen Meisters FC Chelsea vom Platz.
Ballack wird sich erst am Montag einer genauen Untersuchung unterziehen. Die Schwellung war am Sontag noch so stark, dass die Kernspintomographie noch nicht durchgeführt werden konnte. Dies gab der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Regenerations-Trainingslager im sizilianischen Sciacca bekannt.
Bundestrainer Joachim Löw verfiel vor der endgültigen Diagnose am Montag noch nicht in Panik. "Im Moment haben wir noch die Hoffnung, dass er an der WM teilnehmen kann. Sicherlich hat er große Schmerzen und ist sehr in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Auch wenn kein Band gerissen ist, wird es einige Tage dauern. Wir brauchen aber jetzt erstmal Klarheit und hoffen, dass Michael nichts an den Bändern oder an der Syndesmose hat", sagte Löw am Sonntag im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Sizilien.
Die Untersuchung des rechten Sprunggelenks musste am Sonntag zunächst um 24 Stunden verschoben werden. Der dicke Knöchel ließ eine Kernspintomographie einfach nicht zu.
"Alle im Stadion haben gesehen, was passiert ist. Da gibt es keine zwei Meinungen drüber", sagte Ballack-Berater Michael Becker, der offenbar nicht an ein unbeabsichtigtes Foulspiel glaubt, dem Sport-Informations-Dienst (SID). Für Boateng folgte die Strafe auf dem Fuß. Der 23-Jährige in Diensten des Premier-League-Absteigers FC Portmouth verschoss in der 54. Minute einen Foulelfmeter, Chelsea feierte durch das 1:0 das Double.
Löw: "Keine zwei Meinungen"
Kein Verständnis zeigte der Bundestrainer für das rustikale Einsteigen von Boateng, der zu allem Überfluss mit Ghana in der WM-Vorrunde im abschließenden Spiel auf Deutschland trifft. "Ich will niemandem Absicht unterstellen, aber es gibt da keine zwei Meinungen: Das war Rot! Boateng war ohne Chance auf den Ball. Situationen, in denen ein Spieler derart von der Seite oder von hinten reingrätscht, müssen mit Rot bestraft werden", sagte Löw, der aber zumindest berichten konnte, dass beim Telefonat mit Ballack am Samstagabend um 22.30 Uhr schon wieder eine gewisse Erleichterung zu spüren war, da nichts gebrochen sei.
Nach Angaben von Löw wird die Kernspintomographie am Montag in London vorgenommen. Anschließend wird Ballack mit dem Nationalcoach telefonieren und die weitere Vorgehensweise besprechen. In diesem Gespräch wird vereinbart, ob der Chelsea-Star, der bei den Blues zudem noch um einen neuen Vertrag kämpft, zu weiteren Untersuchungen und Behandlungen zu Nationalmannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt nach München oder nach Sizilien reist. Der für 10.30 Uhr am Montag geplante Abflug von London nach Sizilien musste schon abgesagt werden.
Ursprünglich sollte Ballack am Montag zusammen mit den vier nominierten Spielern von Pokalfinalist Werder Bremen nach Sizilien kommen. Nun wird das Regenerationstrainingslager in Sciacca für Ballack wohl ausfallen, während die Bremer Pokalverlierer geknickt zur Nationalmannschaft reisen. .
Löw trifft mit seinem Team im WM-Gruppenspiel am 23. Juni auf die Auswahl Ghanas, in die der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen berufen wurde. Zudem steht Kevins jüngerer Bruder Jerome im Aufgebot der deutschen Auswahl. Im Gegensatz zu Jerome hatte Kevin dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) den Rücken gekehrt.
Sammer kritisiert Boateng
DFB-Sportdirektor Sammer sah darin schon vor einem halben Jahr keinen Verlust. "Bei Kevin zeigt sich aus meiner Wahrnehmung, dass das rein sportliche Potenzial am Ende allein nicht ausreicht, um Karriere zu machen. Man muss außerdem in der Lage sein, sich einzuordnen", sagte der Europameister von 1996.
Diese Kritik wollte der Großneffe des 54er-WM-Helden Helmut Rahn allerdings nicht auf sich sitzen lassen. "Er kennt mich nicht persönlich. Von daher kann er das gar nicht sagen. Ich würde ja auch nie erzählen, dass Matthias Sammer nicht einschlafen kann. Weil ich es nicht weiß", entgegnete Boateng, der im Sommer 2007 für 7,9 Millionen Euro von der Hertha zu Tottenham Hotspur gewechselt war.
Doch nicht nur Sammer ist kein Fan von Boateng. Nachdem der Mittelfeldspieler am 8. Februar 2009 den am Boden liegenden Nationalspieler Miroslav Klose in einem Punktspiel zwischen Dortmund und Bayern München getreten hatte, warf ihm Beckenbauer vor, dass er Klose "absichtlich verletzen" wollte.
Boateng in England begehrt
Auch dagegen wehrte sich Boateng. "Das Problem war, dass sich Franz Beckenbauer geäußert hatte und es als Absicht darstellte. Und weil es Beckenbauer sagte, glaubte es jeder", meinte Boateng, der sich nach Ansicht der Berliner Staatsanwaltschaft auch neben dem Platz daneben benommen haben soll. Boateng wird vorgeworfen, am 18. März 2009 mehrere Autos beschädigt zu haben.
Trotz der negativen Schlagzeilen um seine Person ist Boateng in England nach wie vor sehr gefragt. Gleich vier Premier-League-Klubs wollen den Deutsch-Ghanaer verpflichten und sind bereit, eine Ablösesumme in Höhe von 6,9 Millionen Euro zu zahlen.
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