Leitwolf außer Dienst: Ballacks ungewisse Zukunft im Nationalteam
VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 05.07.2010 - 15:24Düsseldorf (RPO). Natürlich freute sich Michael Ballack über das grandiose 4:0 über Argentinien, auch wenn der verletzte Kapitän nur als Zuschauer in Kapstadt zugegen war. Doch seine persönliche Zukunft in der Nationalmannschaft wird durch jede weitere Gala-Vorstellung des neuen, furios aufspielenden Teams komplizierter.
Bastian Schweinsteiger hat nach Ballacks Ausfall die Chefrolle im Mittelfeld eindrucksvoll angenommen und lässt den "Capitano" in Südafrika beinahe vergessen. Der Bayern-Spieler avanciert sogar zum überragenden Akteur des Turniers. Auch sein Nebenmann Sami Khedira verrichtet seinen Dienst so ordentlich, dass niemand das einstige Alpha-Tier Ballack vermisst.
Der gebürtige Görlitzer, der nach vier Jahren beim englischen Meister FC Chelsea wieder in die Bundesliga zu seinem Ex-Klub Bayer Leverkusen zurückkehrt, hatte unlängst angekündigt, nach der WM seine Karriere im Nationaltrikot fortsetzen zu wollen. Die EM 2012 sei sein großes Ziel, betonte Ballack nach dem ersten Schock über das verletzungsbedingte WM-Aus.
Wird Ballack noch gebraucht?
Doch braucht Deutschland überhaupt noch den 33 Jahre alten Leitwolf? In 98 Länderspielen erzielte Ballack, der 1999 beim 0:1 gegen Schottland in der DFB-Auswahl debütierte, bislang 42 Tore. Eine beeindruckende Statistik, doch seit Ballacks jüngstem Auftritt im März beim 0:1 hat sich viel getan bei der Nationalmannschaft. War das Spiel früher auf ihn ausgelegt, ist nun Schweinsteiger der Fixpunkt fast aller deutschen Angriffe.
Ballack abgereist
Der verletzte DFB-Kapitän hat am Montagnachmittag die Heimreise angetreten. Auch auf Anraten von Fußball-Nationalmannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat sich der 33-Jährige dazu entschlossen, die Reha-Behandlung zu Hause fortzusetzen. "Ich habe mich gefreut, nach der kurzen Begegnung im Trainingslager auf Sizilien meine Kollegen für einige Tage in Südafrika zu sehen, und einen hervorragenden Eindruck von der Mannschaft gewonnen. Ich finde es super, dass sie wie schon bei der WM 2002 und WM 2006 ins Halbfinale eingezogen ist, und wünsche ihr natürlich jetzt den WM-Titelgewinn."
Der Blondschopf verteilt klug die Bälle und setzt die Kollegen bravourös in Szene. Das klappt so gut, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Bundestrainer Joachim Löw – oder dessen Nachfolger – nach der WM das System wieder umstellt. Ballack müsste sich also Schweinsteiger, den er noch als jungen und unbekümmerten "Schweini" kennt, unterordnen.
Keine leichte Situation für Ballack, der am Samstag nach dem 4:0 im WM-Klassiker etwas verloren im Innenraum wirkte, als die Kollegen sich zur Ehrenrunde aufmachten und er ihnen wehmütig in Zivil bei der ausgiebigen Feier mit dem schwarz-rot-goldenen Anhang zuschaute.
Ein Bild mit Aussagekraft? Befindet sich Ballack beim DFB in Zukunft nur noch in der zweiten Reihe? Der Umbruch in der Nationalmannschaft fand schon vor der WM statt: die Veteranen Arne Friedrich und Miroslav Klose sind die einzigen Feldspieler im DFB-Aufgebot für Südafrika, die vor 1980 geboren wurden. Den jungen Wilden Khedira, Mesut Özil, Jerome Boateng, Dennis Aogo, Marko Marin und Manuel Neuer – alle U21-Europameister aus dem Jahr 2009 – gehört zweifelsfrei die Zukunft in der Nationalmannschaft und auch die für die WM noch nicht berücksichtigten Andreas Beck, Mats Hummels und Benedikt Höwedes stehen bereits in den Startlöchern. Löw hat bei der Endrunde in Südafrika eindrucksvoll bewiesen, dass eine junge Mannschaft erfolgreich und schön spielen kann.
Ballacks Dominanz ist passé
Ballack kann auch weiterhin eine wichtige Rolle in der DFB-Auswahl spielen, aber seine Dominanz aus vergangenen Tagen ist Geschichte. Bei der WM tankte die neue Generation von Nationalspielern durch die glanzvollen Auftritte gegen Australien, England und Argentinien bereits eine Menge Selbstbewusstsein. Die Spieler – und auch Ballack – wissen nun: Es geht auch ohne den "Capitano". Bei aller Freude für die Kollegen auch eine ernüchternde Erfahrung für Ballack, der vor der WM noch als einziger deutscher Spieler von Weltklasseformat galt. Nun werden Özil, Schweinsteiger und auch Aufsteiger Thomas Müller, der ohne den Umweg U21 direkt den Weg ins A-Team fand, als die neuen Korsettstangen des Teams gefeiert. Von Ballack spricht kaum noch jemand.
Schweinsteiger, der neue Leitwolf, ist höflich genug zu sagen, dass Ballack natürlich wiederkommen soll. "Es kann ja durchaus sein, dass wir mit ihm noch viel besser spielen. Man merkt eben hier und da, dass uns die Erfahrung ein bisschen fehlt", sagte er im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus" zuletzt. Gegen die Fußball-Großmächte England und Argentinien war davon freilich nur wenig zu spüren.
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