Deutscher Gegner Argentinien: Ballkünstler mit deutschen Tugenden
zuletzt aktualisiert: 02.07.2010 - 16:34Köln/Johannesburg (RPO). Die Pioniere hießen Christian Rudzki und Ricardo Neumann. Sie versprachen technische Finesse gepaart mit europäischer Härte, südamerikanische Spielfreude kombiniert mit deutschen Tugenden. Rudzki und Neumann waren die ersten Argentinier in der Bundesliga, sie kamen zu einer Zeit, da die deutsche Nationalmannschaft erst "Ramba-Zamba" spielte, danach Europameister und Weltmeister wurde, also Anfang der 70er Jahre.
Rudzki, der 1970 immerhin im Weltpokal-Finale stand, konnte sich 1972/1972 bei Hannover 96 nicht durchsetzen, ebensowenig sein Landsmann Neumann, der es von 1972 bis 1975 beim 1. FC Köln nur auf 20 Einsätze brachte. Doch 30 weitere Landsleute sind den Pionieren mittlerweile gefolgt, darunter Könner wie Rodolfo Esteban Cardoso oder Andres D'Alessandro, eine "Zaubermaus", Dauergäste wie Diego Klimowicz, der argentinischer Rekordtorschütze in der Bundesliga ist (71 Tore in 213 Spielen) - aber auch Nieten wie Anibal Matellan.
In Martin Demichelis von deutschen Doublegewinner Bayern München steht nur ein aktueller Bundesligaspieler im Kader der Argentinier, am Samstag (16 Uhr/Live-Ticker) in Kapstadt Viertelfinalgegner der DFB-Auswahl. Demichelis ist einer von sechs Argentiniern, die in der vergangenen Saison in Deutschlands oberster Spielklasse zum Einsatz kamen, und er ist der erfolgreichste Argentinier in der Bundesliga: In sieben Jahren und 168 Spielen für Rekordmeister Bayern München konnte "Micho" vier Meisterschaften und vier Pokalsiege feiern.
Bei der Jagd nach den deutschen Tugenden kommt den deutschen Profiklubs das Transfergebaren im Land des zweimaligen Weltmeisters zugute. "In Argentinien geht es den Vereinen in erster Linie darum, junge Spieler schnell ans Profigeschäft heranzuführen, um sie dann gewinnträchtig ins Ausland verkaufen zu können. Die meisten Klubs sind fast pleite und brauchen das Geld dringend, um überleben zu können", sagte Cardoso, mit 220 Einsätzen (47 Tore) für den FC Homburg, den SC Freiburg, Werder Bremen und den Hamburger SV der argentinische Rekordspieler in der Bundesliga.
Köln holte den ersten Brasilianer
Die argentinischen Qualitäten wurden in Deutschland allerdings erst spät entdeckt. Zauberte in dem längst vergessenen Zeze (1. FC Köln) bereits 1964/65 der erste von insgesamt 115 Brasilianern in der Bundesliga, zogen argentinische Pioniere erst acht Jahre später aus. Die größte "Eintagsfliege" unter den argentinischen Einwanderern war übrigens Patrizio Margetic, der 1988/1989 für Borussia Dortmund nur zweimal auf dem Platz stand.
Während die Brasilianer mit eigenmächtig verlängerten Aufenthalten in der Heimat oder zahlreichen Disziplinlosigkeiten gerne für Negativ-Schlagzeilen sorgen, passen die Argentinier nach Auffassung des früheren Münchner Trainers Ottmar Hitzfeld "einfach gut zum deutschen Fußball": "Sie haben einen guten Charakter und sind ehrgeizig", sagte der heutige Schweizer Nationalspieler bei der Verpflichtung von Demichelis. "Die haben eine ähnliche Mentalität wie Europäer. Sie sind pflegeleicht und schneller zu integrieren", sagt der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer.
Import-Könige aus dem Land des Tango und der guten Steaks sind der VfL Wolfsburg, der Hamburger SV (je 5) sowie Borussia Dortmund (4), die für die argentinischen Verstärkungen gerne auch mal tief in die Tasche greifen. So ließ sich der VfL Wolfsburg die Kreativkraft D'Alessandro einst neun Millionen Euro Ablöse kosten, der FC Bayern München überwies für Demichelis fünf Millionen Euro an River Plate Buenos Aires. Nürnbergs Javier Pinola war dagegen ein Schnäppchen. Eine Million Euro zahlte der Club für den Linksverteidiger, bei den Franken nach 109 Einsätzen längst ein Führungsspieler.
Doch nicht jeder "Gaucho" ist sein Geld wert. Argentiniens ehemaliger Kapitän Juan Pablo Sorin (76 Länderspiele) wechselte nach der WM 2006 für drei Millionen Euro Ablöse nach Hamburg. Die Bilanz: 300.000 Euro Monatsgehalt, Dauerpatient, und nach nur 24 Spielen in zwei Jahren Abflug inklusive 1,5 Millionen Euro Abfindung.
Ähnlich groß war das Missverständnis zwischen Matellan und Schalke 04. 2001 zahlten die "Königsblauen" 4,8 Millionen Euro für den Abwehrspieler. Nach 43 Spielen und nur einem Tor kehrte Matellan ablösefrei zu den Boca Juniors zurück.
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