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boateng die ungleichen brüder ddp/AP/RPO
  Foto: ddp/AP/RPO
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Zwischen Ghana und Deutschland: Die Boateng-Brüder – ein ungleiches Paar

VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 18.05.2010 - 14:03

Düsseldorf (RPO). Sie tragen den gleichen Nachnamen, haben denselben Vater, zahlreiche Tätowierungen zieren ihre Körper, beide spielen Fußball und das so gut, dass sie beide zur Weltmeisterschaft in Südafrika reisen werden. Doch damit enden die Parallelen zwischen Kevin-Prince und Jerome Boateng. Bei der WM sind sie sogar Gegner in der Vorrunde.

Denn der ältere der beiden in Berlin geborenen Halbbrüder, Kevin-Prince, hat sich trotz 41 Einsätzen in diversen Junioren-Nationalmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für eine Nationalmannschaftskarriere in Ghana, der Heimat seines Vaters, entschieden. Jerome, der anderthalb Jahre jünger ist, spielt für Deutschland, das Land, in dem er aufgewachsen ist.

Zwischen Ghetto und Ku'damm

Aufgewachsen sind beide in Berlin, doch auch dort gibt es feine Unterschiede in der Vita. Der 23 Jahre alte Kevin-Prince wurde im Problem-Stadtteil Wedding groß – nicht gerade die erste Adresse in der Hauptstadt. In Wedding ist der Ausländeranteil der Metropole besonders hoch, die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 15 Prozent, 15.000 Straftaten werden im Jahr begangen, viele Hartz-IV-Empfänger leben hier. Kevin-Prince war keine zwei Jahre auf der Welt, da verließ der Vater die Familie. Die Mutter schuftete für die fünf Kinder (drei Mädchen und zwei Jungs) in einer Keksfabrik.

Jerome indes kommt aus bürgerlichen Verhältnissen, ist kein "Ghetto-Kid". Er wuchs im Stadtteil Wilmersdorf auf, unweit von der prachtvollen Flaniermeile Kurfürstendamm entfernt. Als Jerome fünf Jahre alt ist, zieht der Vater aus, seine Mutter ist Stewardess, arbeitet heute als Bodenpersonal bei der Lufthansa.

Extraschichten mit dem Vater

Vater Prince Boateng achtete darauf, das seine Söhne in der Jugend viel Zeit miteinander verbrachten. Der 1981 eingewanderte Ghanaer, der für die Reinickendorfer Füchse immerhin in der Regionalliga kickte, trainierte in der Freizeit Kevin-Prince und Jerome, studierte mit ihnen Tricks ein, feilte auf Bolzplätzen an der Beidfüßigkeit des talentierten Nachwuchses.

Jerome schloss sich früh Tennis-Borussia Berlin an, sein Halbbruder kickte für Hertha. 2002 folgte der Jüngere dem Älteren zur "alten Dame". Viele hielten das Duo für die größten Talente, die jemals für den Hauptstadt-Klub die Schuhe schnürten. Eine gemeinsame Karriere in der deutschen Nationalmannschaft schien nur eine Frage der Zeit zu sein.

Beide verbrachten viel Zeit miteinander, gingen zusammen ins Kino, spielten in der Freizeit gemeinsam Basketball und vor allem Fußball. "Kevin war damals Jeromes Idol", sagte Martina Boateng, Jeromes Mutter, "Spiegel Online". "Ich mag Kevin wirklich. Er ist lustig, ein Clown. Er liebt es, Leute zum Lachen zu bringen. Aber er kann sich nicht unterordnen, hat eine große Klappe und hält sich nicht an Regeln. Das schlägt immer wieder durch."

Sie hatte damals die Angst, der ältere Bruder würde schlechten Einfluss auf ihren Sohn ausüben. Doch sie respektiert auch ihn für seinen Werdegang: "Kevin kommt aus dem Wedding. Ich bewundere ihn dafür, dass er sich da rausgekämpft hat."

"Heute muss ich sagen: Hut ab"

Doch Jerome ist anders. Er wirkt nicht so selbstbewusst wie Kevin-Prince, seine Schultern sind nicht ganz so breit. Er ist besonnen, pünktlich und wirkt in der bunten Glitzerwelt Fußball sogar schüchtern. Und er ist zielstrebig, sehr zielstrebig sogar. Seine Mutter wollte nicht, dass er Fußball-Profi wird. Er sollte "etwas Vernünftiges" lernen, doch Boateng wollte nichts anderes, schaffte den Spagat zwischen Schule und Jugendakademie. Seine Mutter sagt voller Stolz: "Damals habe ich nicht erkannt, wie geradeaus Jerome seinen Weg gegangen ist. Heute muss ich sagen: Hut ab."

Die Unterschiede der Boatengs sind auch auf dem Spielfeld bemerkbar. Während Jerome sachlich verteidigt und ihn die Ruhe am Spielgerät auszeichnet, dirigiert Kevin-Prince lautstark im Mittelfeld, sucht den Weg zum gegnerischen Tor und geht oft hart bis überhart in Zweikämpfe, wirkt dabei nicht selten übermotiviert und hitzköpfig – wie jetzt beim brutalen Foulspiel an Michael Ballack, das diesen um seinen WM-Traum bringt.

Die Wege der Boateng-Brüder trennen sich im Sommer 2007. Beide verlassen Hertha im Streit – Kevin-Prince zieht es nach 42 Bundesligaspielen für die Hauptstädter auf die Insel zu den Tottenham Hotspur, die 7,9 Millionen Euro für seine Dienste überweisen. Jerome entschließt sich nach zehn Einsätzen für Hertha in der Bundesliga zu einem Wechsel zum Hamburger SV, bei dem er seitdem gewissenhaft auf verschiedenen Positionen in der Viererkette verteidigt.

Wiedersehen in England und Südafrika

Doch für Kevin-Prince läuft es bei den "Spurs" nicht rund, er ist nur Reservist, lässt sich für ein halbes Jahr an Borussia Dortmund ausleihen, versucht danach sein Glück beim FC Portsmouth. Hier ist er Stammspieler, doch im Sommer wird er "Pompey" dennoch wieder verlassen. Dem Klub wurde die Lizenz entzogen, doch zahlreiche englische Klubs stehen bereits Schlange, den Mittelfeldspieler zu verpflichten.

Auch Jerome, der im entscheidenen WM-Qualifikationsspiel in Russland in der DFB-Elf debütierte, wird Deutschland im Sommer in Richtung England verlassen. Seine Zukunft liegt bei Manchester City. Dem neureichen Scheich-Klub ist der Abwehrspieler stolze 12,5 Millionen Euro Ablöse wert. Somit kommt es auf der Insel wieder zur Familienvereinigung, doch bevor es so weit ist, kommt es ja noch zum eventuellen Wiedersehen auf dem Platz. Am 23. Juni stehen sich in Johannesburg Deutschland und Ghana im letzten Vorrundenspiel der Gruppe D gegenüber – möglicherweise mit beiden Boatengs.


 
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