Heilende Hände für den DFB: Klaus Eder hält die deutschen Kicker fit
VON JOHANNES BORNEWASSER - zuletzt aktualisiert: 01.06.2010 - 15:16Düsseldorf (RPO). Um Poldi & Co. fit zu halten, überlässt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nichts dem Zufall. Seit Beginn der Ära Klinsmann gehören Fitnesstrainer und Psychologen zum Nationalmannschafts-Alltag, wie hochgekrempelte Hemdsärmel zu Joachim Löw.
Bei allen Neuerungen ist einer jedoch seit mehr als 20 Jahren unumstrittenes Mitglied des Betreuerteams. Physiotherapeut Klaus Eder hat bereits für den DFB gearbeitet, als Jürgen Klinsmann gerade seine ersten Schritte im deutschen Trikot machte.
Lächelnd tritt Eder aus dem Aufzug. Gute Laune gehört zu seinem Wesen, wie der Barthaartrimmer zu Kevin Kuranyi. Er freut sich, wieder in Düsseldorf sein zu dürfen. "Ich habe nur eine gute halbe Stunde, sei mir bitte nicht böse", sagt er freundlich.
Dennoch reicht die Zeit, um zunächst seine alte Heimat aus dem achten Stock des Düsseldorfer Hilton-Hotels zu begutachten. "Ihr habt es unheimlich schön hier. Das ist auch für mich ein Stück Heimat", sagt der Bayer, der während seiner Ausbildung lange Zeit in Düsseldorf lebte.
"Immerhin regnet es nicht, aber heute ist es mir einfach zu nebelig", sagt Eder, bevor er sich der Kaffeemaschine widmet. Das Wetter ist beinahe sinnbildlich für die Lage im deutschen Lager. Wegen zahlreicher Wehwehchen der Profis hat er viel zu tun. Die harte Gangart der Gegner, mit der es die DFB-Auswahl häufig zu tun hat, beschert der medizinischen Abteilung sogar an Regenerationstagen besonderen Stress.
Zuletzt wurde Kapitän Michael Ballack mehrfach gefoult. Er benötigt daher erneut besondere Aufmerksamkeit. "Michaels Wade und ich sind schon per du", sagt Eder scherzhaft. Der Mittelfeld-Star vertraut dem Physiotherapeuten – genau wie Joachim Löw. Und vor ihm bereits fünf weitere Bundestrainer.
Begeistert von Beckenbauers Autorität
Eders Karriere bei der Nationalmannschaft begann unter Franz Beckenbauer. Gerne denkt der 55-Jährige an seine Anfänge zurück. Kein Wunder, dass er sein schönstes Erlebnis in seiner Zeit für den deutschen Fußball auf das Jahr 1990 datiert. "Das war ganz klar der WM-Titel", sagt Eder und fügt an: "Überhaupt die Zusammenarbeit mit Franz Beckenbauer war für mich eine ganz besondere Zeit."
Das Fachwissen in den verschiedenen Bereichen und die Autorität des "Kaisers" beeindrucke Eder bis heute. "Wenn Franz Beckenbauer sagt ‚'setz' dich hin', dann setzt du dich hin. Egal, ob da ein Stuhl steht, oder nicht." Weniger Autorität habe "Jogi" Löw heute keinesfalls. Er sei aber ein anderer Charakter.
Beckenbauer habe ihm auch bei wichtigen persönlichen Entscheidungen geholfen, sagt der Reha-Fachmann. Als er sich entscheiden musste, ob er nach München gehen würde, oder doch die Klinik der Eltern übernehmen werde, habe ihn Beckenbauer zur Seite gestanden.
"Ich wusste ja noch gar nicht, wo die Reise hin gehen würde. Franz hat damals gesagt 'Junge, selbst wen du eine Klinik in der Sahara aufmachen würdest werden wir zu dir kommen'. Das hat mich unheimlich erleichtert und motiviert, denn so hatte ich von Beginn an einen wichtigen Rückhalt."
Eder entschied sich am Ende dazu, die Klinik zu übernehmen. Seitdem ist Donaustauf die Pilgerstätte für zahlreiche Bundesligaspieler. Doch auch Leichtathleten, Tennisprofis und Wintersportler gehören zu Eders "Stammkunden". Der Therapeut betreut neben der Nationalmannschaft auch das deutsche Daviscup-Team und die Olympiamannschaften. Außerdem doziert er an der Uni Regensburg und schrieb kurz vor der WM 2006 sein drittes Buch.
Bildliche Sprache für den Laien
"Ein Fuß besteht aus 26 Knochen. Wenn nur ein einziger ansatzweise in eine Fehlstellung gerät, fällt das Gebäude Fußballspieler in sich zusammen", sagt Eder. Überhaupt spricht er gerne in Bildern und macht seine Fachsprache auf diese Weise auch für den Laien verständlich.
Eine intensive Betreuung der Patienten und ständige Fortbildung ermögliche der medizinischen Abteilung die punktgenaue Behandlung. Dafür sei es auch wichtig gewesen, das Jürgen Klinsmann mit seiner Arbeit „die festgefahrenen und verkrusteten Methoden" abgeschafft habe. „Man mag über seine Arbeit denken was man will, aus medizinischer Sicht war es unheimlich wichtig, dass Klinsmann diesen Neuanfang gewagt hat."
Der Grund sei schnell erklärt: "Früher hat ein Profi im Spiel rund 2000 Meter zurückgelegt Bei der EM waren es 15.000 bis 16.000 Meter. Dazu kommen die ständigen Richtungswechsel, das dauernde Mitdenken für den Nebenmann." Das verlange den Spielern heute viel mehr ab.
"Da bist du schnell die Psycho-Müllkippe"
Für jeden Spieler nehme sich Eder inzwischen ein bis zwei Stunden Zeit. Dadurch entstünden auch persönliche Bindungen. "Da bist du schnell die Psycho-Müllkippe, erfährst viele Dinge, auch aus dem Privatbereich." Aussprechen würde Eder sie nie.
Auch im Fall Kevin Kuranyi, der mit seinem fluchtartigen Rücktritt im Oktober 2008 einen Eklat auslöste, hat Eder offenbar viel Leid geklagt bekommen: „Der Junge hatte es schwer. Seine Nichtberücksichtigung bei der WM im eigenen Land und jetzt musste er wieder pausieren. Das ist hart." Dennoch entschuldige dies nicht die Art und Weise seines Abgangs. „Das gehört sich nicht. Für die Form hat hier niemand Verständnis.“
Eine weitere Bindung entstand mit Matthias Sammer. Als der Ex-Profi aufgrund einer Infektion im Knie seine Karriere beenden musste, "war das auch für mich ein tragischer Moment". Eder lud die ganze Familie in sein Haus ein. "Gemeinsam haben wir dann einen Plan entworfen, wie es mit der Behandlung weitergehen soll."
Inzwischen sind sie sich beim DFB wieder begegnet. "Das ist wirklich schön", sagt Eder mit ständigem Blick auf seine Uhr. Zwar betont er stets, dass er sich die Zeit gerne nehme, dennoch mahnt ihn der Zeitmesser mit sinnbildlich großem Ziffernblatt ständig, seine "Jungs" nicht zu vergessen. Sie schwitzen gerade im Fitnessraum des Hotels.
Neben Sammer, der inzwischen als Sportdirektor des DFB arbeitet, traf Eder in Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann ebenfalls alte Bekannte wieder. Bierhoff war schon zu dessen Zeit beim KFC Uerdingen sein Patient und auch Klinsmann kannte der Therapeut schon vor dem gemeinsamen Wirken für den DFB. Der Ex-Bundestrainer wurde im Jahr 1988 als Deutschlands Fußballer des Jahres ausgezeichnet. Die Trophäe schenkte er Eder, der ihn pünktlich zu Saisonbeginn fit gemacht hatte.
"Wir wollen Weltmeister werden"
Seine Zukunft sieht der Bayer, der nicht zuletzt durch sein Studium in Norwegen bereits früh die weite Welt kennenlernte, weiterhin beim DFB. "Wenn der liebe Gott nichts anderes mit mir vor hat, werde ich gerne noch vier, fünf Jahre bleiben."
Sein Ziel mit der Mannschaft sei ganz klar die WM-Qualifikation. "Wenn wir die schaffen, fahren wir nach Südafrika, um Weltmeister zu werden", sagt Eder, der mit seinen himmelblauen Augen wieder in den nebligen Düsseldorfer Himmel schaut, bevor er sich freundlich verabschiedet und wieder im Aufzug verschwindet. "Die Jungs warten schon."
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