Machtkampf mit Ballack: Lahms Revolte mit Kalkül
VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 06.07.2010 - 22:29Düsseldorf (RPO). Philipp Lahm ist rein optisch der perfekte Schwiegersohn. Doch wer den WM-Kapitän der deutschen Nationalelf aufgrund seines adretten Aussehens, der geringen Körpergröße und des netten Auftretens unterschätzt, der irrt gewaltig. Lahm kennt die Mechanismen des Geschäfts genau und weiß, wie und wann er sich in Szene zu setzen hat.
Lahm will auch nach der WM in Südafrika Kapitän bleiben. Das hat der 26-Jährige in diversen Interviews eindeutig formuliert und damit dem verletzten Spielführer Michael Ballack symbolisch einen Tritt vor das Schienbein versetzt. Ballack, jahrelang der Anführer der DFB-Auswahl, ist angeschlagen. Seine Machtposition ist durch das famose Auftreten der Nationalmannschaft in Südafrika ohne sein Mitwirken deutlich geschwächt worden. Lahm nutzt diese Situation eiskalt aus, um den "Capitano" vom Sockel zu stoßen.
Das Team weicht von Ballack ab
Lahm handelte wohl nicht nur auf eigene Faust. Es sieht so aus, als seien die Gräben zwischen Ballack und seiner einstigen Gefolgschaft kaum noch zu überbrücken. Lahm ist der Wortführer der jungen Generation, die Ballack und dessen rigorosen Führungsstil nicht mehr länger akzeptieren wollen. Die Botschaft, die durch Lahms Äußerungen transportiert wird, ist klar: Der ehemalige Chelsea-Akteur, der zu Bayer Leverkusen in die Bundesliga zurückkehren wird, wird vom Team nicht mehr gewünscht. Sein interner Umgangston ist zu schroff, zu laut.
Lukas Podolski reagierte einst mit einer Backpfeife auf des Capitanos Kritik, Lahm macht das anders, viel geschickter. "Meiner Meinung nach ist es grundsätzlich besser, wenn die Hierarchie flach ist. Wenn jemand ausfallen sollte, ist das besser zu verkraften", sagte er bereits vor ein paar Tagen und bereitete sich damit selbst den Weg. Lahm verkörpert nicht den Typ eines dominanten Kapitäns, wie es Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus, Oliver Kahn und eben auch Ballack waren. Seine Stärke liegt gerade darin, dass seine Rolle nach außen eher klein, fast bescheiden wirkt und er für Teamgeist steht.
Bundestrainer Löw schweigt
Es fällt auf, dass Bundestrainer Joachim Löw und andere DFB-Entscheidungsträger nur wenig dazu beitragen, den offen ausgetragenen Machtkampf zu unterbinden. Der Bundestrainer, der wohl den seinerseits mit Ballack ausgetragenen Machtkampf aus dem Jahr 2008 doch nicht vollständig vergessen hat, äußerte sich bislang sehr zurückhaltend zur von Lahm angezettelten Revolution ("Er darf seine Meinung sagen, die Entscheidung treffe ich nach der WM").
Das legt die Vermutung nahe, dass Löw das Aufbegehren des Außenverteidigers duldet, es sogar unterstützt. Denn dass die brisanten Aussagen des Münchners trotz der strengen Kontrolle durch die DFB-Medienabteilung an die Öffentlichkeit gelangten, ist mehr als ungewöhnlich.
Ballacks prompte Abreise aus Südafrika nach Lahms Forderung passt da nur all zu gut ins Bild. "Es ist schade, dass die Abreise und die Äußerungen von Lahm zeitlich zusammenliegen, denn so etwas kann zu Missinterpretationen führen. Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun", versicherte Bierhoff, so recht abnehmen konnte man es ihm nicht. Der Teamanager stellte zudem fest: "Philipp ist der WM-Kapitän, Michael der Kapitän", sagte er und untersagte den Spielern gleichzeitig weitere Kommentare zum heiklen Thema. Doch auch wenn nun öffentlich geschwiegen wird – das letzte Wort in dieser Debatte ist noch lange nicht gesprochen.
Lahms legendäres Bayern-Interview
Es war nicht das erste Mal, dass ein Interview von Lahm, der von Ex-Profi Roman Grill beraten wird, hohe Wellen schlägt. Im November 2009 legte er verbal bei seinem kriselnden Arbeitgeber FC Bayern München den Finger in die Wunde und kritisierte die Transferpolitik und prangerte das Fehlen einer Klub-Philosophie in der "Süddeutschen Zeitung" an. Sein Arbeitgeber antwortet in Person des Präsidenten Uli Hoeneß reflexartig mit reichlich Wut im Bauch: "Sie können davon ausgehen, dass Philipp dieses Interview noch bereuen wird. Ich sehe da die Handschrift von Roman Grill. Der meint sowieso, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Auch für ihn wird es keine gute Woche."
Die Konsequenzen: Volle Zustimmung in der Öffentlichkeit, eine Rekord-Geldstrafe in geschätzter Höhe von 50.000 Euro, eine Entschuldigung bei Hoeneß und die sportliche Wende zum Guten beim FC Bayern. Lahm ging als Sieger aus der Geschichte hervor. Das könnte sich nun bei der Nationalmannschaft wiederholen. Die Öffentlichkeit, das Team und der Trainer stehen jedenfalls schon einmal hinter ihm – nur die Geldstrafe bleibt ihm diesmal erspart.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







