Keine Feier in Berlin: Nationalelf kommt nicht zu den Fans
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 09.07.2010 - 09:58Düsseldorf (RP). 2002 bedankte sich die Nationalmannschaft bei den Fans auf dem Frankfurter Römerberg, 2006 reiste sie noch einmal zur Fanmeile nach Berlin. Nach der Rückkehr aus Südafrika am Montag aber gehen die Spieler direkt in den Urlaub, ohne sich noch einmal zu zeigen.
Philipp Lahm heiratet am Mittwoch seine Claudia. Am Vormittag standesamtlich, am Nachmittag in der Kirche, abends im Brauereigasthof Aying. Nur die Familien und enge Freunde sind zur Feier eingeladen. Hochzeitsplaner Enrico de Paruta hat alles bestens vorbereitet. Es gab sogar eine Lagebesprechung mit der Freiwilligen Feuerwehr, für den Fall, dass scharenweise neugierige Fans kommen.
Dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft kommt es angesichts dieser bevorstehenden Herausforderungen ganz zupass, dass er nach der Rückkehr aus Südafrika am Montag nicht noch einen Abstecher in die Hauptstadt machen muss. Es wird kein Willkommensfest auf der Berliner Fanmeile am Brandenburger Tor geben. "Wir hatten es nach der WM 2006 und der EM 2008. Und das große Ziel der Mannschaft hier in Südafrika war mehr als das Spiel um Platz drei", bekräftigte Lahm gestern nach einem Beschluss des fünfköpfigen Mannschaftsrats, "es wäre unpassend, sich zwei Tage nach dem Spiel um Platz drei feiern zu lassen."
Wenn das Flugzeug am Montag in der Frühe auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt gelandet ist, beginnen für die 23 Nationalspieler direkt die Sommerferien. "Die Mannschaft ist seit neun Wochen zusammen und hat tollen Fußball gezeigt", sagte Assistenztrainer Hansi Flick, "die Spieler haben den Fans in Deutschland viel Freude bereitet. Man muss ihnen jetzt zugestehen, so rasch wie möglich in den Urlaub zu kommen."
Kommentar: Chance vergeben
Die Helden sind müde. Und sie haben das hohe Ziel, das sie sich gesetzt haben, nicht erreicht. Dass den Fußball-Nationalspielern da nicht der Sinn nach einer Sause steht, ist verständlich. Der große, der Berliner Bahnhof muss es wirklich nicht sein. Aber warum nicht der kleine in Frankfurt? Vom Flughafen mal kurz zum Römer, ein bisschen Winken, zwei, drei Sätze zum Volk und dann in den Urlaub – das hätte man der Mannschaft noch zumuten dürfen.
Mit ihrem Auftreten auf und abseits der Plätze in Südafrika hat Joachim Löws Team viele Sympathien gewonnen. Der Verzicht auf die Kontaktaufnahme mit den Fans, die ihr aus der Ferne über Wochen die Treue gehalten haben, ist eine verpasste Chance. Der Eindruck, dass die hochmögenden Herren Fußballspieler möglichst wenig mit den gemeinen Anhängern zu tun haben wollen, drängt sich wieder einmal auf. Dabei sind es die Fans, die mit dem Kauf von Eintrittskarten, Trikots und Fernseh-Abonnements die Gehälter von Schweini & Co. finanzieren. bei
Die Meinung unter den Profis war vor den Berlin-Trips '06 und '08 geteilt. Im Dokumentarfilm "Sommermärchen" machte Michael Ballack dem breiten Publikum deutlich, dass er nach dem WM-Spiel um Platz drei in Stuttgart kein großes Interesse mehr am Fanfest hatte. Und auch vor zwei Jahren war die Feierei umstritten. Matthias Sammer, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), giftete damals: "Ich finde es nicht richtig, dass Spieler in ein EM-Finale gehen, das Endspiel verlieren, und sich dann auf der Berliner Fanmeile feiern lassen, als hätten sie das Spiel gewonnen. Dann habe ich das Problem, so etwas einem U19-Nationalspieler zu erklären und vor einem Finale den letzten Siegerinstinkt rauszukitzeln."
2002 nach dem verlorenen WM-Endspiel gegen Brasilien in Yokohama hatte sich die Mannschaft letztmals auf dem Frankfurter Römerberg feiern lassen. Kapitän Oliver Kahn, Michael Ballack und ihre Kollegen zeigten sich angemessen angeheitert auf dem Balkon, machten mit mehr als 20 000 Fans die Welle und sangen das hohe Lied auf ihren Teamchef: "Es gibt nur ein' Rudi Völler." Gleich nach der Ankunft auf dem Airport war die Mannschaft in die Frankfurter Innenstadt gefahren, nach dem Empfang und den Unterschriften im Goldenen Buch der Stadt verabschiedete sie sich in den Urlaub.
In Erinnerung an diese und andere Willkommensfeiern auf dem Römerberg hätten die Frankfurter das Team auch am kommenden Montag gern in Empfang genommen. Der Unternehmer Jürgen Aha sammelte mit seiner Online-Aktion "Der Balkon ist Tradition" 4870 Unterschriften für eine Party in der hessischen Finanzmetropole. Die schickte er – ohne Erfolg – an Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff in Südafrika. Auch vonseiten der Stadt Frankfurt hätte es keine Einwände gegen eine abschließende Fanparty gegeben. Weder Bauarbeiten noch eine andere Veranstaltung hätten einem Empfang im Wege gestanden. Erst am Sonntag fand an gleicher Stelle das Finale des Triathlons statt.
Dass die Frankfurter auf die Schnelle eine Empfangsfeier hinbekommen, haben sie zuletzt 2009 bewiesen, als die Nationalmannschaft der Frauen als Europameister aus Finnland zurückkam. Auch die Weltmeistertitel 2003 und 2007 feierte die Mannschaft um Birgit Prinz auf dem Römerberg – ausgelassen, volksnah und dankbar.
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