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Ottmar Hitzfeld Schweiz Panorama AP 2010
  Foto: AP, AP
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Schweizer Sensation gegen Spanien: Das Phänomen Ottmar Hitzfeld

VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 17.06.2010 - 08:18

Düsseldorf (RPO). Was dieser Mann anfasst, wird zu Gold. Nachdem Ottmar Hitzfeld in seiner Karriere als Vereinscoach mit Borussia Dortmund und dem FC Bayern München nahezu alles gewonnen hat, was es im Klub-Fußball zu gewinnen gibt, hat der 61-Jährige nun bei seinem ersten WM-Auftritt mit der Schweiz den großen Top-Favoriten und Europameister Spanien 1:0 geschlagen.

Was zeichnet den studierten Mathematik-Lehrer aus, dem wie dem verstorbenen Österreicher Ernst Happel und dem Portugiesen Jose Mourinho das Kunststück gelang, mit zwei verschiedenen Klubs die Champions League zu gewinnen?

Ehemalige Spieler wie Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Matthias Sammer oder Franck Ribery loben immer wieder seinen sensiblen Umgang mit den Profis, die Ruhe, die er auch in kritischen Momenten ausstrahlt, die Fähigkeit, ein Team durch akribische Arbeit zum Ziel zu führen. Ein Mensch, der stets darauf bedacht ist, seine Emotionen zu verstecken, um sich nicht angreifbar zu machen – ein technokratischer Analytiker. Der als schwierig geltende Effenberg nannte ihn den "perfekten Trainer" – der zur Divenhaftigkeit neigende Ribery sieht in ihm aktuell den "besten Bayern-Trainer", den er als "Monsieur", als "große Respektperson" betrachte.

Scholl: "Das ist Ottmar"

Einer, der Hitzfeld ebenfalls als Spieler erlebte, ist ARD-Experte Mehmet Scholl. Der 39-Jährige feierte unter dem Erfolstrainer fünf Meisterschaften, zwei Pokalsiege und den Gewinn des Weltpokals neben der Champions League in München und lobte seinen ehemaligen Chef nach dem überraschenden Sieg der Schweizer im TV: "Das ist Ottmar! Jeder hat gesagt, dass die Schweiz keine Chance hat, aber hat gezeigt, dass man jedes Spiel gewinnen kann. Das hat er uns früher vorgelebt. Er ist ein Defensivstratege. Er kann ein Spiel lesen und dann ins Spiel eingreifen. Er weiß immer genau, was zu tun ist. Die Defensive verstärken, oder wie man vorne noch die ein oder andere Spitze setzt. Da macht ihm keiner was vor."

Michael Meier, Manager des Bundesligisten 1. FC Köln, wurde mit dem Coach in Dortmund zwei Mal Meister und gerät immer noch ins Schwärmen, wenn er über Hitzfeld spricht. "Wir haben ihn immer als ehemaligen Mathematik-Lehrer gekennzeichnet, der sehr akribisch und zielgerichtet arbeitet", erinnert er sich im Gespräch mit der "Deutschen Welle", "ich kenne keinen Trainer, der sowohl seine eigene Karriere, als auch die Erfolge einer Mannschaft so sorgfältig planen konnte." Hitzfeld gehe Spielsituationen und Eventualitäten sehr detailliert schon vorher durch, um immer auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. "Das war für mich immer ein Kennzeichen, wie er diesen Job macht. Sehr akribisch, sicherlich aber auch hart und konsequent in der Entscheidung."

Zufälle gibt es nicht

So war es auch vor dem Spiel gegen Spanien. Der Taktiker überließ nichts dem Zufall, ließ sogar Fans während des Trainings auf den berüchtigten Vuvuzelas tröten, um seine Spieler auf den Ernstfall – und den Lärm im Stadion – vorzubereiten. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte er dann den Spielverlauf ziemlich päzise vorher. Spanien werde viel Ballbesitz haben, "60, 70 Prozent", hatte er erwartet. Seine Mannschaft werde zuweilen mit neun Mann verteidigen müssen und als Gegenmittel blieben ihnen wohl nur einige Konter. Am Ende dominierte Spanien tatsächlich, doch 24:8 Torschüsse, 13:3 Eckbälle und 63:37 Prozent Ballbesitz reichten ihnen nicht. Hitzfeld zog Spanien mit seiner Defensivtaktik und dem Einsatz von Konterstürmer Eren Derdiyok von Bayer Leverkusen den Zahn.

Dabei klang die Bilanz vor dem Kräftemessen in Durban aus Sicht der Schweizer furchterregend: 18 Spiele, kein Sieg, drei Unentschieden und 15 Niederlagen, die Tordifferenz fiel mit 15:45 Treffern ebenfalls eindeutig aus. Die Spanier hatten zuletzt in 50 Spielen nur einmal verloren, zudem blieben sie in den vergangenen 48 Matches nur vier Mal ohne eigenen Torerfolg.

7:2 gegen Del Bosque

Doch da war ja noch das Trainer-Duell mit Gegenüber Vicente Del Bosque. Der Spanier hatte vor seinem Verbandsengagement erfolgreich Real Madrid trainiert und zwischen 2000 und 2002 acht Partien gegen den deutschen Rekordmeister mit Hitzfeld auf der Bank bestritten. Zwar gewannen die Bayern sechs Spiele gegen die "Königlichen", doch der Makel an dieser eindrucksvollen Statistik bleibt, dass Real zwei Siege reichten, um zwei von drei K.o.-Duellen für sich zu entscheiden. Der Sieg auf der großen Bühne WM dürfte dafür entschädigen.

Doch trotz des Coups bleiben die Schweizer weiterhin nur ein Außenseiter, der auf ein homogenes Kollektiv setzt, keine übergroßen Namen im Kader besitzt. Der Trainer ist der Star der "Nati", wie die Schweizer Auswahl in der Heimat gerufen wird. Der Auftrag des "Generals", der 2004 eine Schaffenspause einlegte, sogar das Amt des deutschen Bundestrainers ablehnte, weil er sich ausgebrannt fühlte: Er soll die Eidgenossen erstmals seit der Heim-WM 1954 und der dramatischen 5:7-Niederlage gegen Österreich in der berühmten "Hitzeschlacht von Lausanne", dem torreichsten Spiel der WM-Geschichte, wieder ins Viertelfinale führen. Hitzfeld ist zuzutrauen, dass ihm auch das gelingt.


 
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