Russland und Katar bekommen WM: Entsetzen und Korruptionsvorwürfe
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 03.12.2010 - 08:18Zürich/Düsseldorf (RP). Mit der Entscheidung, das Fußballturnier 2022 an das Emirat zu geben, sorgte der Weltverband für Entsetzen. Dass die Russen das Turnier 2018 ausrichten dürfen, ist auch eine Entscheidung gegen die lange Zeit favorisierten Engländer. Korruptionsvorwürfe belasten die Vergabe.
Der Chefdiplomat der deutschen Nationalmannschaft hielt sich mit seinem Urteil noch vornehm zurück. Doch aus Oliver Bierhoffs Reaktion auf die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 war Unverständnis oder vielleicht sogar ein Anflug von Entsetzen zu hören. "Ich finde die Stimmung im Land, wo die WM stattfindet, auch sehr wichtig. Insofern betrachte ich Katar nicht als optimale Lösung", sagte er bei einer Veranstaltung in der Deutschen Sporthochschule in Köln.
Und Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sagte etwas verschwurbelt: "Die Entscheidung, die WM nach Katar zu vergeben, hat mich trotz der Diskussionen und Meldungen der vergangenen Wochen ein wenig überrascht. Ich bin mir sicher, dass die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees alle Bedenken, die es gegen diese Wahl geben kann, bei ihrer Entscheidungsfindung bedacht haben."
In der komplizierten, auf Befindlichkeiten aller Art Rücksicht nehmenden Welt der Sportpolitik war das schon ein auffallend deutliches Misstrauensvotum in der Öffentlichkeit. Hinter verschlossenen Türen wurde wohl deutlicher gesprochen.
Die ersten und gleichzeitig aussagekräftigsten Kommentare im Sitzungssaal auf dem Zürcher Messegelände waren die Gesichtszüge der Würdenträger aus traditionellen Fußballländern. "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer sah aus, als habe jemand gerade die Saalbeleuchtung ausgemacht. Und selbst der ansonsten dauerlächelnde Fifa-Präsident Sepp Blatter wirkte ungewöhnlich zurückhaltend, als er den Schriftzug "Qatar" aus dem Umschlag zog.
England ist der große Verlierer
Die großen Verlierer waren jedoch Englands Kronprinz William, Premierminister David Cameron und David Beckham. Ihr Land scheiterte sensationell mit nur zwei Stimmen schon im ersten Wahlgang. Danach setzte sich Russland (13) klar vor Portugal/Spanien (7) und Niederlande/Belgien (2) durch. Katar erhielt den Zuschlag unterdessen erst im vierten Wahlgang mit 14:8 Stimmen gegen die USA.
Australien schied in der ersten Runde aus, danach erwischte es Japan, dann Südkorea. Doch von Beginn an lag der Wüstenstaat an der Spitze. Im ersten Wahlgang fehlte nur eine Stimme zur erforderlichen absoluten Mehrheit (12).
Osteuropa gerät verstärkt in den Fokus des Weltsports: 2012 findet die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine statt, Sotschi beherbergt 2014 die Olympischen Winterspiele. Die Stadt am Schwarzen Meer ist auch Austragungsort von WM-Begegnungen 2018.
Juristische Fragen
Noch ist allerdings fraglich, ob die Entscheidungen des Exekutivkomitees Bestand haben. Nach der Diskussion über unlautere Absprachen zwischen den Bewerbern und den Korruptionsvorwürfen gegen fünf Mitglieder des Exekutivkomitees war die Fifa stark in die Kritik geraten. Auch die Wahl der Austragungsorte Russland und Katar wird noch für reichlich Diskussionsstoff sorgen – vor allem bei den schwer geschlagenen Engländern.
Aufgrund der Suspendierung der "Exko"-Mitglieder Reynald Temarii (Haiti) und Amos Adamu (Nigeria) vor rund zwei Wochen standen bei dem Votum am Donnerstag nur noch 22 der 24 Exekutivmitglieder zur Verfügung.
Laut Satzung des Weltverbandes müssen aber 24 Mitglieder über die WM-Vergabe abstimmen, damit sie gültig ist. Alleine deshalb könnten die unterlegenen Kandidaten die Wahl wohl juristisch anfechten.
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