Gute Organisation bei der Fußball-WM: Erfolg für Südafrika
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 13.07.2010 - 21:03Johannesburg/Düsseldorf (RPO). Ach ja, der Herr Hoeneß. Mit Nachdruck hatte der Präsident des FC Bayern München davon abgeraten, seinen Thomas Müller mit zur WM zu nehmen. Und heute kommt dieser Müller als eine der Entdeckungen des Weltfußballs aus Südafrika zurück.
Überhaupt Südafrika! Noch im Januar bezeichnete Uli Hoeneß die Vergabe des Turniers ans Kap als "eine der größten Fehlentscheidungen, die Sepp Blatter je getroffen hat". Aus München ist in der Angelegenheit nichts mehr zu hören. Blatter aber, der selbstherrliche Präsident des Weltverbands, klopft sich fleißig dafür auf die Schulter, das Turnier nach Afrika gebracht zu haben. Nicht weniger als den Friedensnobelpreis hätte er dafür gern, heißt es.
Bei aller berechtigten Kritik an den leeren Plätzen im Stadion, an den Streiks des Sicherheitspersonals, am Fehlen einer das ganze Land erfassenden Begeisterung bleibt als Fazit: Ja, die Südafrikaner haben's hingekriegt. Und zwar besser, als es sich der Rest der Welt je hätte vorstellen können.
"Ein erhabener Monat"
"Dies war ein wahrhaft inspirierender, bewegender und erhabener Monat", schrieb Staatspräsident Jacob Zuma vor dem Endspiel. Diese WM stärkt das Selbstvertrauen eines Landes, das unter einer tiefen Kluft zwischen Arm und Reich leidet, in dem die Arbeitslosenquote bei 40 Prozent liegt, in dem Mord, Totschlag und Fremdenfeindlichkeit wieder an der Tagesordnung sein werden, sobald die enormen Sicherheitsmaßnahmen der vergangenen Wochen nicht mehr greifen.
Den rund 400 000 Touristen, die nach Südafrika kamen, sollen jetzt Millionen neugierige Besucher folgen. "Die WM wird als eine der besten Werbekampagnen aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen", schwärmt Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk. Erstmals will er in diesem Jahr die Zehn-Millionen-Marke knacken. Promis wie Shakira oder Franzi van Almsick, die sich nett gekleidet und hübsch frisiert auf staubigen Plätzen in den Townships tummelten, sorgten für sympathische, bunte Bilder.
Dass die farbenfrohen TV-Sendungen rund um die Fußballspiele ein wahrhaftiges Afrika-Bild in die Wohnzimmer der Welt geschickt hätten, bezweifeln allerdings die Münsteraner Ethnologen Barbara Meier und Arne Steinforth: "Ein Großteil der Berichterstattung fertigte einen ganzen Kontinent als irrational, archaisch und abstoßend ab und bestätigt damit Vorurteile." Mit "effektheischenden Ausschmückungen" und einem Fokus auf Ritualgegenstände wie Knochen und Trommeln wurden Opferrituale und Wahrsage-Sitzungen beschrieben, ohne sie in den kulturellen Zusammenhang zu setzen.
2,7 Milliarden Euro Gewinn
Der Weltfußballverband verlässt Afrika wie ein Raumschiff, das nun abhebt und in vier Jahren zur nächsten WM in Brasilien landet. Rund 2,7 Milliarden Euro Gewinn hat Blatters Besatzung mit an Bord geschafft. Als kürzlich der Kurs der Landeswährung Rand um 3,3 Prozent fiel, führten die Analysten das auf die Überweisung der ersten Tranche an die Fifa zurück. Der Weltverband verlässt Südafrika als großer Gewinner. Wie auch die Ausstatter Adidas und Nike, die auf je 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz allein im Segment Fußball hoffen dürfen.
Über das selbstgefällige Auftreten der Fifa wunderten sich die eigentlichen Gastgeber sehr. Afrikanische Kommentatoren fühlten sich vom Auftreten der Hundertschaften von Anzugträgern zeitweise an die längst vergangene Epoche des Kolonialismus erinnert. Der Weltverband habe extremen Druck auf den bald 92-jährigen Nelson Mandela ausgeübt, um den ehemaligen Präsidenten, die Ikone Südafrikas, zum Besuch des Finales zu bewegen, sagte dessen Enkel Mandla.
Psychologisch mag die WM Südafrika und vielleicht sogar dem ganzen Kontinent etwas gebracht haben, wirtschaftlich kaum. "Es ist keineswegs gewiss, dass sich die Austragung einer WM für das Austragungsland – anders als für die Fifa selbst – finanziell und insgesamt ökonomisch lohnt", heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin), "weder das DIW noch andere Wirtschaftswissenschaftler fanden positive kurzfristige wirtschaftliche Effekte der Fußball-Weltmeisterschaften 1994 und 2006." Langfristigen Nutzen böten zuvorderst die Verbesserung der Verkehrswege und der Kommunikationstechnologie.
Südafrika bleiben aber auch die für mehr als 1,4 Milliarden Euro gebauten und renovierten Stadien, die Blatter zwar als weltweit führend preist, deren weitere Nutzung allerdings zum großen Problem wird, wie so häufig nach den sportlichen Mega-Events. Ein Beispiel: Die für die Olympischen Spiele 2004 errichteten Sportstätten in Athen verrotten.
Brasilien baut neue Stadien
Das Ziel, auf die Landkarte des Weltsports zu gelangen, treibt jetzt die Ukrainer zumindest an den Rand der wirtschaftlichen Vernunft. In zwei Jahren richten sie zusammen mit den Polen die Europameisterschaft aus. Das ökonomisch deutlich stärkere Brasilien will für die WM 2014 mehr als zehn Milliarden Euro in neue und erneuerte Stadien stecken.
Beflügelt durch die WM leben in Südafrika jetzt wieder Pläne auf, sich um Olympische Spiele zu bewerben. Im Rennen um die Spiele 2004 scheiterte Kapstadt noch deutlich an Athen. Durban drängt nun nach vorn. Die Stadt am Indischen Ozean bringt sich mit dem Kongress des Internationalen Olympischen Komitees im Juli 2011 schon einmal in Position.
Dann entscheidet sich übrigens, ob München mit den Winterspielen 2018 sein teures Vergnügen bekommt.
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