Nordkoreas Superstar Jong Tae-Se: "Ich habe mein Land im Stich gelassen"
zuletzt aktualisiert: 16.06.2010 - 20:06Johannesburg (RPO). Die Propaganda-Maschinerie verklärte Nordkoreas WM-Kämpfer noch in der Nacht zu Nationalhelden, doch "Asiens Wayne Rooney" war zutiefst enttäuscht. "Wir hätten gewinnen müssen. Ich habe nicht mein Bestes gegeben, sondern mein Land heute im Stich gelassen", sagte der einzige Star Jong Tae-Se nach dem sehr achtbaren 1:2 (0:0) der Asiaten gegen Brasilien. Danach wurde er von einem Offiziellen aus der Mixed Zone gezerrt.
Im Weggehen beantwortete der 26 Jahre alte Angreifer Jährige von japanischen Erstliga-Klub Kawasaki Frontale, der während der Nationalhymne herzzerreißend geweint hatte, noch die Frage, was das Ergebnis für den weiteren Verlauf der WM bedeute. Die Antwort fiel pflichtbewusst aus. "Wir müssen jetzt die beiden Spiele gewinnen. Das sind wir unserem Staat schuldig."
Dabei hätten die Nordkoreaner allen Grund gehabt, stolz zu sein. Wie "Chollima", das geflügelte Sagenpferd, rannten, kämpften, ackerten die Asiaten – allerdings mit sehr begrenzten Mitteln. Diese genügten aber, um den übermächtigen Gegner beinahe zur Verzweiflung zu bringen.
"Es war ein erbitterter Austausch zwischen Defensive und Offensive", schrieb die staatliche Nachrichtenzentrale KCNA nach dem Spiel. Trotz des Rückstandes hätten die Spieler "niemals den Glauben an sich verloren". Ob die Fußball-Fans in der Heimat, wo der Anpfiff gegen 3 Uhr morgens erfolgt war, das Spiel sehen konnten, war am Mittwoch zunächst unklar.
Die Spieler trotteten – abgesehen von Jong und Torschütze Ji Yun-Nam – mit hängenden Köpfen aus der Kabine. Von höchster Stelle jedoch gab es großes Lob. "Sie haben Asien mit ihrem mutigen Spiel stolz gemacht. Wie sie gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt haben, lässt die Flagge des Fußballs in Asien höher wehen", sagte Mohamed Bin Hammam, Präsident der asiatischen Fußball-Konföderation AFC.
"Wir haben sie immer abgewehrt"
Der Trainer sprach, als habe es sich um eine politische Angelegenheit gehandelt. "Wir mussten leider bis zum Ende auf den Lohn warten. In der ersten Halbzeit haben meine Spieler meinen Plan sehr gut ausgeführt", sagte Kim Jong-Hun: "Ob Brasilien über außen oder von vorne angegriffen oder aus der Ferne geschossen hat – wir haben sie immer abgewehrt." Immerhin verkündete er, sehr stolz auf das Team zu sein.
Kniffligen Fragen wich Kim aus. Als ein Journalist wissen wollte, ob der Trainer sich Spiele der Südkoreaner anschaue, sagte Kim: "Das ist nicht meine Aufgabe. Ich habe genug damit zu tun, mich um meine Mannschaft zu kümmern. Wir müssen besser werden und wollen die nächste Runde erreichen."
Abseits des Sportlichen war der nordkoreanische Fanblock im Johannesburger Ellis Park die große Attraktion. Etwa 50 Personen im roten Einheitslook, allesamt Männer mittleren Alters, hatten sich auf der Haupttribüne versammelt und unterstützten die Chollimas nach strenger Vorgabe eines finster dreinblickenden Animateurs.
Mit Nordkorea-Fähnchen, Mützen und roten Shirts mit Aufschrift "1966 again" in Anspielung auf das 1:0 gegen Italien bei der WM 1966 in England, wurden die Fans immer wieder aufgefordert, jubelnd aufzuspringen, obwohl sich auf dem Feld noch überhaupt nichts tat. Alle hatten Holzplatten mit Griffen dabei, die beim Zusammenschlagen einen Riesenlärm verursachten. Wer den Anweisungen des Animateurs nicht folgte, wurde mit strengsten Blicken bedacht und aufgefordert, an der Choreographie teilzunehmen.
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