WM-Chancen der 32 Teams: Mathematiker: Brasilien wird Weltmeister
zuletzt aktualisiert: 10.06.2010 - 08:02Zürich (RPO). Roger Kaufmann hat die WM schon durchgespielt. 200.000 Mal. Nach einem Knopfdruck und zwei Minuten Warten kam das Ergebnis: Brasilien wird Weltmeister, vielleicht auch Spanien.
Kaufmann ist Mathematiker. Er arbeitet als Risikomanager bei einer französischen Versicherungsgesellschaft und hat ein Programm entwickelt, das den zukünftigen Weltmeister berechnet. Es spielt das Turnier wieder und wieder durch. Am Ende zeigt der Computer die Chancen der einzelnen Teams.
Spanien zählt demnach zu den Favoriten. Dabei hat noch nie eine europäische Mannschaft bei einer WM auf einem anderen Kontinent gewonnen. Kaufmanns Programm weiß das. Es weiß auch, dass Außenseiter manchmal unterschätzt werden. Es plant den Heimvorteil für Gastgeber mit ein und kennt neben der aktuellen FIFA-Weltrangliste die Spielergebnisse aller teilnehmenden Teams aus den vergangenen Jahren: Turnierspiele, Qualifikationsspiele, Freundschaftsspiele.
Treffsicher
Roger Kaufmann rechnete für die EM 2008 vor dem ersten Spiel aus, dass Spanien Europameister würde. So kam es.
Um diese Daten einzugeben, braucht Kaufmann mehrere Stunden. Noch länger hat der 36-Jährige gebraucht, um das Programm zu entwickeln. Vor zwanzig Jahren hat alles begonnen, mit einem Wettbewerb, bei dem der damals 16-Jährige einen Computer gewann.
An ihm entwickelte er ein Programm, das Wahrscheinlichkeiten für die Spielergebnisse seines Lieblingsvereins FC Zürich ausrechnete. Er tüftelte weiter, bis sein Computer auch ganze Turniere verarbeiten konnte. Erst nationale, dann internationale, 2000 die erste Europameisterschaft.
Für die bevorstehende WM sind Spanien und Brasilien nicht nur für Kaufmann klare Favoriten. Viele Experten sehen die beiden Länder auf den ersten Plätzen - auch ohne komplizierte Berechnungen. "Wer die Weltmeisterschaft gewinnt, ist eine Sache. Mit welcher Wahrscheinlichkeit er sie gewinnt, eine andere", sagt Kaufmann. Sein Programm gibt Brasilien eine Titelchance von 15,4 Prozent, Spanien von 15,2 Prozent. "Das heißt aber auch, dass zu 70 Prozent eine andere Mannschaft Weltmeister wird", sagt der Mathematiker.
Deutschland nur auf Platz acht
Deutschland wäre ein Kandidat. Allerdings hat die Nationalmannschaft nicht gerade die besten Aussichten. Mit 3,8 Prozent liegt sie auf Platz acht der Titelaspiranten - knapp hinter Kamerun. Deutschland war drei Mal Weltmeister, doch diese Erfolge zählen nicht. "Für mein Programm sind sie Schnee von gestern", sagt Kaufmann. Um ein möglichst realistisches Bild vom aktuellen Kader zu schaffen, speist er nur Ergebnisse ein, die maximal vier Jahre alt sind.
Schon öfter lag er mit seinem Programm richtig: Für die EM 2008 spuckte das Programm als Favoriten Deutschland, Spanien und Italien aus. Zwei der drei Mannschaften standen am Schluss im Finale.
Kaufmann nutzt seine Ergebnisse auch um zu wetten. Gerade erst hat er für die Gruppensiege der WM-Vorrunde auf Uruguay und Honduras gesetzt. Mit Bauchgefühl oder Wünschen hat das nichts zu tun. Allein das Programm zählt - und die Quoten der Wettanbieter.
Für die EM 2004 beispielsweise hatte das Programm Außenseiterchancen für Griechenland prognostiziert. Die Quoten waren gut, und so setzte der Mathematiker erfolgreich auf den späteren Überraschungs-Europameister. Viel Geld gewonnen hat er aber nicht - Kaufmann setzt nur kleine Beträge.
Darüber hinaus verdient er mit seinem Programm nichts. Es ist ein reines Hobby. Zwar gab es Gespräche mit Wettbüros, und auch ein Tipp-Service per SMS war angedacht. Daraus wurde aber nichts. Den potenziellen Geschäftspartnern sei es für seinen Geschmack zu sehr um Profit gegangen, sagt Kaufmann.
Auch für einzelne Entscheidungen innerhalb eines Spiels kann das Programm Hilfe leisten. Steht es beispielsweise kurz vor dem Abpfiff unentschieden, lohnt es sich in manchen Fällen, bedingungslos auf Sieg zu spielen - selbst auf die Gefahr hin, deswegen zu verlieren.
In bestimmten Konstellationen wirke sich der Sieg einer Mannschaft auf den weiteren Turnierverlauf "viel positiver aus als eine Niederlage negativ", erklärt Kaufmann. Intuitiv würden die meisten Mannschaften aber versuchen, das Remis zu halten. Mit Kaufmanns Programm an der Seite würden sie anders entscheiden - wahrscheinlich.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







