Frankreichs WM-Lager wird Staatsaffäre: Sarkozy schickt Ministerin als Aufsicht
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 22.06.2010 - 08:36Knysnia/Düsseldorf (RP). Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat ein Kabinettsmitglied aufgefordert, für Ordnung bei der Nationalmannschaft zu sorgen. Deren skandalöse WM-Mission kann heute mit dem Spiel gegen Südafrika enden.
Wer das Geschehen rund um die Equipe Tricolore verstehen will, übersetzt die französischen Verhältnisse am besten ins Deutsche. Die Geschichte läuft dann ungefähr so. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist entsetzt von der Außendarstellung ihrer prominentesten Repräsentanten am Kap der Guten Hoffnung. Sie schickt deshalb Gesundheitsminister Philipp Rösler, um für Sitte und Anstand zu sorgen.
Am Tag zuvor hatte Teammanager Oliver Bierhoff seinen Rücktritt eingereicht, Bastian Schweinsteiger war wegen schlechten Benehmens heimgeschickt worden, die versammelte Mannschaft hatte daraufhin eine Protestnote gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger verfasst. Franz Beckenbauer sägt unterdessen am Stuhl von Bundestrainer Joachim Löw, Arne Friedrich spricht nicht mehr mit den Journalisten, und Philipp Lahm prügelt sich fast mit Fitnesscoach Mark Versteegen, der wiederum eine teure Stoppuhr in den Wald wirft. Im Vorfeld schon hatte der im Kabinett für den Sport zuständige Thomas de Maizière die Unterbringung der Mannschaft in einem Luxushotel schön populistisch kritisiert, für den eigenen Afrika-Trip aber eine noch teurere Unterkunft gebucht.
All das ist rund um die deutsche Nationalmannschaft natürlich nicht passiert, mit entsprechender, auf die politischen Verhältnisse in Frankreich zugeschnittenen Rollenverteilung aber bei den Franzosen. Nach Nicolas Anelkas Verbal-Attacke gegen Trainer Raymond Domenech, der daraus resultierenden Abreise des Angreifers, dem Trainingsboykott der Mannschaft und dem Abschied des Delegationsleiters sorgt sich Frankreichs Staatschef um die Reputation.
Sarkozy erteilte Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot-Narquin den Auftrag, die Hauptdarsteller der Schmierenkomödie zu einem Krisengipfel einzubestellen. In den vergangenen Tagen war Bachelot einige Male im Quartier in Knysnia zu Gast, saß bei den Spielen der Blauen auf der Tribüne und schoss fleißig mit der Handykamera Erinnerungsfotos.
Spieler mit Tränen in den Augen
"Ich habe den Spielern gesagt, dass sie dem Image Frankreichs geschadet haben", erklärte die Politikerin auf einer improvisierten Pressekonferenz am Montagabend am Free-State-Stadion in Bloemfontein und ergänzte: "Es ist ein moralisches Desaster für den französischen Fußball."
Die Anhängerin im rosa Pullover verwandelt sich damit in die Chefaufpasserin für Trainer Raymond Domenech, Franck Ribéry und die anderen schwierigen Charaktere. „Wir haben von der Entrüstung der französischen Menschen Kenntnis genommen, wir rufen zu Würde und Verantwortung auf“, sagte sie weiter.
Die Spieler hätten bei der Unterredung Tränen in den Augen gehabt, berichtete Bachelot. "Ich habe ihnen gesagt, dass sie für unsere Kinder nicht mehr Helden sein können. Sie haben die Träume ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Fans zerstört", teilte die Sportministerin mit und kündigte Konsequenzen an: "Wir werden nach der WM eine Untersuchung einleiten über alles, was hier passiert ist." Eigentlich sei eine WM Angelegenheit des Fußball-Verbandes, "aber die Regierung muss eingreifen, wenn der Ruf Frankreichs auf dem Spiel steht, das ist hier der Fall."
Sponsoren wenden sich ab
Teamsponsor Crédit Agricole hat die Hoffnung auf Besserung aufgegeben, sich als Geldgeber zurückgezogen und die TV-Spots gestoppt. Burger-Brater "Quick" beendete seine Werbekampagne mit Anelka. Als erste Stadt sagte Vincennes im Departement Val-de-Marne aus Protest das Public viewing für heute ab.
Ribéry, der nicht unschuldig am vergifteten Klima sein soll, gibt sich vor dem möglicherweise abschließenden WM-Spiel heute gegen Südafrika weinerlich. „Die ganze Welt lacht über uns“, stellt er völlig korrekt fest, „Frankreich leidet. Unser Land leidet. Ich leide.“ Dem Profi des FC Bayern München wird nachgesagt, in ein Handgemenge mit Jungstar Yoann Gourcuff verwickelt gewesen zu sein.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die gesamte Mannschaft in dieser Woche schon Anelka folgt, ist groß. Der Stürmer vom FC Chelsea flog in der Nacht von Sonntag auf Montag von Kapstadt heim in seine Wahlheimat London. Vize-Weltmeister Frankreich müsste deutlich gegen Südafrika gewinnen, um im Turnier zu bleiben. Und im Parallelspiel zwischen Mexiko und Uruguay müsste es einen Sieger geben, obwohl den lateinamerikanischen Teams ein Remis reicht.
Wenigstens Zinedine Zidane verbreitet Zuversicht. „Auch wenn das viele zum Lachen bringen sollte: Ich hoffe, Frankreich noch im Finale zu sehen. Alles bleibt möglich“, sagte der ehemalige Kapitän.
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