Nordkoreas Chong Tese: Tränen für das Vaterland
VON STEPHAN SEEGER - zuletzt aktualisiert: 16.06.2010 - 09:54Er ist ein Mode-Freak, steht auf Rapmusik und sammelt Turnschuhe. Bei der Nationalhymne vor dem ersten WM-Spiel gegen Brasilien legte der Nordkoreaner Chong Tese seine coole Maske ab. Während seine Mannschaftskollegen voller Inbrunst die Hymne schmetterten, kamen die Worte aus dem Mund des Stürmerstars nur leise. Die Augen waren zusammengekniffen, über die Wangen rannte ein ganzer Schwall von Tränen. Tae-Se war einfach nur stolz, mit seinem Land bei der WM spielen zu dürfen.
Zwar verlor Nordkorea gegen den fünfmaligen Weltmeister mit 1:2, sammelte jedoch Sympathien in der Fußballwelt. Die Asiaten aus dem Diktator-Staat rannten, kämpften und machten dem haushohen Favoriten das Leben lange schwer. Eine Minute vor Schluss erzielte Nordkorea sogar den Anschlusstreffer - jedoch ging Superstar Tese diesmal leer aus.
Dabei ist er es, der den Unbekannten aus Nordkorea zumindest ein bisschen Starpotenzial verleihen soll. Tese ist einer der wenigen aus seiner Mannschaft, der nicht in Nordkorea spielt. Der Sohn eines Südkoreaners und einer Nordkoreanerin wurde im japanischen Nagoya geboren, hat noch nie in Nordkorea gelebt. Sein Geld verdient er bei Kawasaki Frontale in der japanischen J-League, unterschrieb als 22-Jähriger vor vier Jahren einen Profivertrag. Tese hätte auch für Südkorea spielen können, entschied sich aber für das Heimatland seiner Mutter und schwor dem nordkoreanischen Staatsoberhaupt Kim-Jong Il die Treue.
Die Medien in Asien vergleichen Tae-Se gerne mit dem englischen Superstar Wayne Rooney: Robust, schnell und torgefährlich. 16 Tore in 24 internationalen Spielen unterstreichen das. Gleich bei seinem Debüt schoss er sich in die Herzen der Fans: Beim 7:0-Kantersieg gegen die Mongolei im Qualifikationsspiel zur Meisterschaft der ostasiatischen Fussballverbände EAFF erzielte er vier Tore. Ein spektakulärer Beginn in der Nationalmannschaft.
Spektakulär ist auch der Lebensstil des Torjägers. Tese bezeichnet sich selbst als Modenarr, sammelt Turnschuhe und will in ein paar Jahren in einem dicken Auto und mit einem Popstar im Arm irgendwo in Europa sein Geld verdienen. Seine Mitspieler in der Nationalmannschaft belagern bei Länderspielreisen stets das Zimmer Teses, wollen seine Schuhe anprobieren oder Videospiele spielen.
Vor Beginn der Weltmeisterschaft kündigte Tese Großtaten der Nordkoreaner an. Mit einem Sieg gegen Brasilien sollte das Turnier begonnen werden, die Vorrunde in der "Todesgruppe" G mit Portugal und der Elfenbeinküste überstanden werden. Und dann, so Tese, sei "alles drin". Den ersten Dämpfer hat Nordkorea nun kassiert. Ob Tese in der Kabine erneut geweint hat, ist nicht bekannt. Wenn ja, waren es aber keine Tränen für das Vaterland.
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