TV-Kritik zur Fußball-WM: Toller Scholl ist Netzers Erbe
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 23.06.2010 - 14:05Düsseldorf (RPO). Kurz vor dem Ende der Vorrunde bei der Weltmeisterschaft wird es Zeit, die TV-Moderatoren von ARD, ZDF und RTL unter die Lupe zu nehmen. Dem Zuschauer wird dabei einiges geboten: Von punktgenauen Klartext-Analysen, nervigen Gags, echten Nachwuchshoffnungen und einer komplizierten Videowand ist alles dabei. Die vier wichtigsten Duos im Check.
Gerhard Delling und Günter Netzer
Zur besten Sendezeit schickt die ARD ihr eingespieltes und preisgekröntes Duo ins Rennen. Und dies bekanntlich zum letzten Mal, denn Günter Netzer hat vorerst keine Lust mehr auf seinen TV-Job. Und das ist schade. Denn Netzer versteht es wie kein anderer, in knappen (wenn auch manchmal ungelenken) Sätzen, die Dinge auf den Punkt zu bringen. "Die Afrikaner gefallen mir nicht", sagt er. Oder: "Robinho ist kein Weltklassespieler, nicht effektiv genug". Punkt. Netzer hat gesprochen. Der Zuschauer nickt. Danke. Nächste Frage, bitte.
Netzers Entscheidung aufzuhören ist dennoch richtig. Denn aus dem Doppelpass mit Delling ist schon länger die Luft raus. Und das liegt eher am NDR-Journalisten als am Ex-Nationalspieler. Denn Dellings Versuche mit Netzer lustige Streitgespräche vom Zaun zu brechen, wirken inzwischen hilflos und bisweilen albern. Anwürfe der Güteklasse: "Die Engländer laufen zu wenig. Zu wenig laufen. Das kennen Sie ja von früher, haha", ermüden nur noch. Bezeichnend, dass der 65-jährige kaum noch darauf eingeht und lieber wegschaut.
Fazit: Netzers Expertise wird fehlen, Dellings "Gags" nicht
Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl
Bei den Nachmittagsspielen darf bei der ARD der zweite Sturm ran. ARD-Talker Beckmann setzt dabei auf seine sonore Stimme und führt betont ruhig, versöhnlich und manchmal distanziert durch die Sendung. Wer Montagabend mit Altkanzler Helmut Schmidt oder Minister Guttenberg über Gott und die Welt sinniert, kann sich wohl über passives Abseits und nicklige Fouls nicht mehr aufregen. Schade, denn viele Fans tun das sehr wohl.
Mehmet Scholl hingegen schickt sich an, schon bald in Netzers Fußstapfen zu treten. Denn bisher findet der Ex-Bayernstar eine richtige Mischung aus fachlichen Analysen, schonungslosem Klartext und dem ein oder anderen Scherz. Nach einem der zahlreichen Torlos-Flops der Vorrunde würgt er Beckmanns Fragen einfach ab: "Eigentlich habe ich keine Lust, zu diesem Spiel irgendwas zu sagen!" Das sprach dem TV-Fan aus der Seele. Und besonders bei strittigen Entscheidungen berichtet der ehemalige Weltklasse-Dribbler aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Dass Beckmann Scholl gelegentlich abwürgt und seine Fragen einfach selbst beantwortet, ist also mehr als überflüssig.
Noch was bei der ARD? Richtig, die neue Videowand für die besten Szenen nach dem Spiel. Mit ausladedener, heiliger Geste starten die Moderatoren den Ausschnitt und können mit dem Finger vor- und zurückspulen. Funktioniert nur nicht immer. Und nervt ein bisschen. Vielleicht sollte die ARD technisch wieder abrüsten.
Fazit: Scholl kann neuer Netzer werden
Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn
Das ZDF schickt seine Sportstudio-Moderatorin und Deutschlands Torwart-Legende schlechthin ins Rennen. Und beide haben bei ihren WM-Auftritten noch deutlich Luft nach oben. Müller-Hohensteins "Reichsparteitag"-Panne geriet zu Recht schnell wieder in Vergessenheit. Schwamm drüber. Schade hingegen ist, dass die Journalistin in ihren Fragen und Anmoderationen meist oberflächlich bleibt. "Was geht jetzt in einem Spieler vor?", fragt sie gern. Antwort: "Er ärgert sich!". Oder: "Er freut sich!". Die aktive Tennisspielerin und Kampfsportlerin (brauner Gurt im Judo) wirkt gelegentlich verloren.
Auch Oliver Kahn muss sich im Turnierverlauf steigern. Zwar hat der Titan die Torwart-Kluft gegen einen Anzug eingetauscht. Bei seinen Analysen kommt Kahn dennoch viel zu sachlich, ernst und komplett humorlos herüber. Dabei steuert der 41-Jährige inhaltlich durchaus interessante Fakten bei. An der Präsentation gilt es aber noch zu arbeiten.
Fazit: Das neue "ZDF-Traumpaar" muss sich steigern
Günther Jauch, Jürgen Klopp und Jürgen Klinsmann
Am WM-Konzept des Privatsenders scheiden sich die Geister. RTL macht mit seinen Sendungen Station in deutschen Städten. Unter freiem Himmel gibt es Live-Musik zum Beispiel von der Hermes House Band, viele Fans vor der Bühne und kreischende Teenager in der ersten Reihe, die ihre Liebe für Spaniens schöne Kicker bekunden. Erfrischend sagen die einen. Nervig die anderen. Denn wenn der TV-Zuschauer Public-Viewing-Feeling erleben will, könnte er einfach zu einer der zahlreichen Verantstaltungen in seiner Nachbarschaft gehen. Letztlich Geschmacksache.
Personell überzeugt RTL auf ganzer Linie. Kult-Trainer Jürgen Klopp ist längst auch Medienprofi. Gekonnt, entspannt und sachkundig liefert er seine Einschätzungen ohne lästiges Brimborium. Und dass Günther Jauch weiß, wie man Fernsehen macht, ist seit vielen Jahren bekannt.
Sorgen machte zu Beginn nur Co-Kommentator Jürgen Klinsmann. Jungenhaft und beinahe verschüchtert meldete sich der Vorgänger von Jogi Löw nur sehr zaghaft zu Wort. Während des Turniers nahm Klinsmann dann Fahrt auf. Seine Hinweise á la "Guck mal, wie breit die das Spiel im Mittelfeld machen. Immer breit. Stark. Toll!", machen schlau und zeigen, wie sich Klinsmann an Fußball begeistern kann. Das ist ansteckend. Davon bitte mehr.
Fazit: Gute Mischung aus Party und klugen Analysen
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